Das Apfel-Dilemma

Monotonie im Überfluss: Nirgendwo ist das so augenfällig wie bei Äpfeln. Sollte man die wenigen verbliebenen Sorten lieber ohne Schale essen?

CA Lagerung, SmartFresh Technologie, Fungizide oder wachsen - so bleiben Äpfel lange frisch

CA Lagerung, SmartFresh Technologie, Fungizide oder wachsen – so bleiben Äpfel lange frisch

Äpfel als Clubsorte

Es gibt Äpfel, die haben sogar ihre eigene Website. Zum Beispiel der Jazz Apple™ aus Neuseeland. Jazz™ entstand aus der Ehe von Braeburn und Royal Gala.  Beide stammen ebenfalls aus Neuseeland. Aber sie sind anfällig für Apfelkrankheiten wie Mehltau oder Schorf. Bei SciFresh, so heißt Jazz™ unter Züchtern, ist das anders. Als sogenannte Clubsorte steht Jazz™ nur einem ausgesuchten Kreis von Lizenznehmern zur Verfügung – zur kontrollierten Vermarktung. Nur selten sind Apfel-Neuzüchtungen heute noch frei verfügbar. Sie heißen Clubsorten, weil nur »Clubmitglieder« sie verkaufen und dafür einen etwas höheren Preis verlangen dürfen. Neben Jazz™ zählen Pink Lady, Wellant, Prince, Honeycrisp oder Rubens zu den Clubsorten. Dabei gilt Jazz™ als besonders schorfresistent. Nur leider kommt der Apfel nicht so gut an wie gewünscht. Auf der internationalen Leitmesse für den Fuchthandel Fruitlogistica kündigen die Züchter deshalb einen Marken-Relaunch an.

Artensterben im Apfelregal

In einer Wikipedia Liste mit 4400 Apfelsorten müsste Jazz™ eigentlich zwischen Jaune Lu Desert und Jean Tondeur stehen. Aber die Autoren der Liste ordnen den Apfel lieber unter der Bezeichnung Scifresh ein. So sind sind seine Nachbarn die Schwerzer Renette und Scilly Pearl. Wer denkt, 4 400 Sorten, das sei doch ganz schön viel, kennt seine Äpfel schlecht: weltweit gibt es mindestens 20 000 Sorten. Manche Quellen schätzen die Sortenvielfalt sogar auf 30 000. Umso mehr wundert es, dass nur ein Bruchteil in den Supermärkten landet. Meist sind es lagerfähige Herbstäpfel wie Elstar und Jonagored, Braeburn und Jonagold, Gala und Boskop. Warum das so ist, erklärt der Handel mit dem Wunsch  nach ganzjährigem Apfelkonsum. Aber haben wir wirklich eine Wahl? Wäre es für Mensch und Natur vielleicht gesünder, von März bis August eine Apfelpause einzulegen?

Angebot und Nachfrage?

Für Statistiker ist die Liste der beliebtesten Äpfel identisch mit der Liste der am meisten verkauften Äpfel. Aber wohin man auch blickt: Monotonie. Selbst auf dem Wochenmarkt ist das Sortiment überschaubar. Zwar bekommt man in seltenen Fällen noch »alte Apfelsorten« – zum Beispiel einen Finkenwerder Herbstprinz Ende November. Doch der Apfel, so knackig als wäre er gerade vom Baum gepflückt, schmeckt nicht nach Herbstprinz. Er schmeckt nach – nichts. Der Grund dafür könnte die Lagerung sein. »Ergiebiges Wundermittel«, nennen die SWR Redakteure in ihrem Beitrag »Äpfel im Tiefschlaf« die Technologie SmartFresh™. Sie sagen: »Ein in Wasser aufgelöstes Säckchen 1-MCP reicht, um den Reifeprozess an Tonnen von Obst zu stoppen.« Das Gas hemmt das gasförmige Wachstumshormon Ethylen, welches Äpfel im Prozess des Reifens absondern. Eine andere Methode der Haltbarmachung sind CA-Kühlhäuser. CA steht für Controlled Atmosphere. Dabei wird der Sauerstoffgehalt zugunsten eines höheren Stickstoffgehalts verringert und die Temperatur gesenkt.

Fragt man das Internet, ob Apfel schälen gesünder sei, erhält man die Antwort: AUF. KEINEN. FALL.

Fragt man das Internet, ob Apfel schälen gesünder sei, erhält man die Antwort: AUF. KEINEN. FALL.

Äpfel praktizieren Selbstschutz

Während nur wenige Äpfeln in Deutschland gewachst werden, ist das Verfahren andernorts gang und gäbe. Gewachste Äpfel müssen vom Handel als solche gekennzeichnet werden. Das Tauchen der Äpfel in fungizide Lösungen ist bei uns verboten,  in Nachbarstaaten dagegen erlaubt. Damit will man den Pilzbefall nach der Ernte bekämpfen und die Lagerfähigkeit der Äpfel weiter erhöhen. Anders als beim Wachsen muss diese Behandlung jedoch nicht gekennzeichnet werden. Der Hinweis »nach der Ernte behandelt« genügt. Dabei ist es nicht zuletzt der Apfel selbst, der seine Jugendlichkeit  mit einer Fettschicht schützt. Das Forum Ernährung aus Österreich schreibt: »Äpfel bilden im Laufe des Reifungsprozesses eine Wachsschicht aus, um zu verhindern, dass Wasser verdunstet. Nicht alle Apfelsorten tun das im selben Ausmaß: Besonders fettig werden reife Granny Smiths und Jonagold. Aus einzelnen Plättchen besteht die Wachsschicht von Boskoop und Cox Orange, wodurch sie matt erscheinen und sich kaum fettig anfühlen.«

Nicht schade um die Schale

Dass unsere Äpfel künstlich frisch gehalten werden, ist nicht für alle bekömmlich. So schreibt eine gute informierte BUND-Truppe aus Lemgo: »Reifere Äpfel sind weniger allergen.« Auch das Schälen der Äpfel wird empfohlen. Ein guter Tipp, den nicht nur unter Apfelallergie Leidende beherzigen sollten. Sein Großvater habe jederzeit ein paar Äpfel in der Tasche gehabt, erzählt der Ernährungscoach Thomas Frankenbach. Die habe er stets vor dem Verzehr mit einem kleinen Obstmesser geschält. Nach dem Grund gefragt, antwortete der Opa schlicht: »Das taugt mir besser«. Besonders Gesundheitsbewusste, die zu einem exzessiven Apfelgenuss von fünf und sechs ungeschälten Äpfeln täglich neigen, entwickeln nicht selten eine nicht-alkoholbedingte Fettleber – ausgelöst durch die unverdauliche Wachsschicht auf der Apfelschale. Schälen kann durchaus eine gute Idee sein – auch wenn das Internet das Gegenteil behauptet.

Und hier weitere Links:

Apfel-Warenkunde aus dem Magazin »Fruchthandel«

Äpfel im Tiefschlaf in der Mediathek des SWR

Auch der streitbare Udo Pollmer rät zum Schälen der Äpfel – jedenfalls allen, die Apfelschale nicht vertragen

Mehr über den natürlichen Schutz von Obst in diesem Video

Ein alter Walt Disney-Film erzählt die Geschichte von Johnny Appleseed – schau mal ab Minute 4:50…

Veröffentlicht am 11.02.2017

Ein Gedanke zu „Das Apfel-Dilemma

  1. Monika

    Hallo, Danke für den Beitrag. Er spricht mir aus dem Herzen.
    Mir wurde ein Leben lang gesagt, dass man Äpfel nicht schälen soll, weil dann die ganzen Vitamine verloren gehen.
    Ich denke, in den früheren Jahrzehnten war das wohl auch der Fall, da wurde noch nicht so viel gespritzt.
    Ich selbst habe leider keinen Garten und so hole ich mir das was ich gebrauche aus der Natur und da stehen Äpfel an 1. Stelle.
    Hinter Norderstedt, an einer Koppel und auf dem „Knick“ so sagt man ja, stehen so viele ungespritzte Sorten von Apfelbäumen und diverse Wildfrüchte. Das hol ich mir im Herbst und lager die Äpfel auf meinem Balkon ein. Decke sie mit Handtüchern zu und habe lange was davon. Da die Schale mit der Zeit schrumpelt, schäle ich sie ab und ich schneide sie in kleine Stücke und lege sie für die Amseln auf meinen Balkon. Das Angebot wird von ihnen gerne angenommen. Diese Woche habe ich beobachtet wie eine Amsel (ich habe eine Liege auf dem Balkon) erst den Apfel gefressen hat, dann schlief, wieder fraß und wieder schlief. Alles in ca. 3 Stunden. Interessant und lustig zugleich.
    Ich wollte das nur mal mitteilen.
    Alles Gute
    Monika

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