Alles fühlt

Wow! Was für ein wunderschönes Buch: »Alles fühlt« von Andreas Weber, Untertitel: »Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften«

Leben will leben um des Lebens willen - sogar das Pilzlein im Spülbecken

Leben will leben um des Lebens willen – sogar das Pilzlein im Spülbecken

Berauschend

Kann ein Buch wie ein sehr, sehr guter Rotwein sein? Berauschend, aber nur in kleinen Mengen genüßlich – jetzt mal rhetorisch gefragt? Natürlich kennst du die Antwort. Ja, es kann. »Alles fühlt« von Andreas Weber ist so schön geschrieben, dass es fast wehtut. Man kann immer nur wenig lesen. Dann muss man das Buch erstmal weglegen, um dem Sinn der Worte nachzuschmecken. Hier schon mal eine Kostprobe. Nämlich die Frage: »Warum stülpt der Wattwurm Amphitrite kurze, gedrungene Fangtentakel in salzige Wasser, während sein Vetter, der Bäumchenröhrenwurm Lanice, dieselbe Nahrung mit zarten Fäden fängt, die auf ein stützendes Filigran aus glitzernden Sandkörnern gebettet sind?« Ja, warum? Weber behauptet: Weil die Natur es eben mal so, mal so liebt. Dabei mixt er präzise Beobachtung mit poetischer Sprache. Untermauert seine Kritik an der darwinistischen Lehre mit Leidenschaft. Nur selten gibt’s so viel Gehalt auf so wenig Seiten.

Bedrohlich

»Alles fühlt« ist 2007 im Berlin Verlag erschienen. Bisher wurde es dreimal neu aufgelegt. Als das Buch auf den Markt kam, hagelte es Kritik. »Zu lose die Verknüpfungen«, hieß es in der FAZ. »Ökologische Gefühlsduselei«, schrieb die TAZ. Trotzdem wird das Buch immer wieder gelesen und diskutiert. Das alternative Magazin OYA brachte kürzlich eine Neuauflage heraus. »Wir nehmen Natur falsch wahr, weil die Wissenschaft der Natur uns diese über Jahrhunderte falsch gezeigt hat», schreibt der Autor. Und fährt fort: »Sie hat das Schöne, hat Poesie und Expressivität aus der Natur ausgeklammert, weil sie ausschließlich objektivierbare Erkenntnisse bevorzugte und glaubte, nur sie seien wahr.« Genau das aber, so dämmert es uns allmählich, führt ins Verderben. Der Reichtum der Natur nimmt beständig ab. Das Gefühl, von der Natur getrennt, weil ihr überlegen zu sein, führt dazu, dass wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen.

Meine Empfehlung: das Buch immer nur in geringer Dosierung lesen -genießen, wäre treffender

Meine Empfehlung: das Buch immer nur in geringer Dosierung lesen -genießen, wäre treffender

Begeisternd

Leben liebt Farben, Formen, Vielfalt, Versuch und Irrtum.  Es ist kreativ. Nicht umsonst ziert den Umschlag von »Alles fühlt« eine Zeichnung des Biologen Ernst Haeckel. Der Arzt und Zoologe fror die anatomischen Details von Seeanemonen, Strahlentierchen oder Quallen in Bildtafeln ein. Haeckels Zeichnungen sind so schön, dass sie heute in Kunstausstellungen zu bewundern sind. Auch Andreas Weber ist ein Mehrfachbegabter. Er ist zugleich Natur- und Geisteswissenschaftler: Biologe, Biosemiotiker, Philosoph und Publizist. Seine Doktorväter waren der Literaturwissenschaftler Hartmut Böhme sowie  der Biologe und Neurowissenschaftler Francisco Varela. Beides namhafte Größen ihrer Zunft. Aber auch Querdenker. Es ist Wissenschaftsjournalisten, meist selbst Akademiker, nicht zu verdenken, dass sie die an die Lehren Jakob Johann von Uexkülls angelehnten Thesen Webers ablehnen. Wer lässt sich schon gern sagen, dass er auf dem Holzweg ist? Andererseits mehren sich die Zeichen, dass genau das unser Problem ist. Wir denken zu sehr in eine Richtung: Wachstum, Konkurrenz, Ausbeutung, Survival of the fittest.

Beflügelnd

»Alles fühlt« ist keine leichte Lektüre. Die Bewunderung für die Leistung des Autors mischt sich mit dem Bedauern, dass es für ein Umdenken unter Umständen zu spät sein könnte. Weber: » [..] Ein Verlust auch nur eines der silbernen Fäden, aus denen das Netz des Lebens sich webt, ist immer eine Verengung der Freiheit. Eine Welt ohne Seepferdchen oder Wattwürmer oder Blindschleichen wäre ein Welt, in der wir selbst um eine Reihe von Möglichkeiten ärmer wären, eine Welt, der wieder einige Freiheitsgrade fehlen würden.« Sind wir nicht schon längst auf diesem Weg? Verarmt unsere Welt mehr und mehr? Natürlich gibt es tausend Antworten auf diese Fragen. Wir können in eine »Jetzt erst recht«-Haltung verfallen, nach dem Motto »Nach mir die Sintflut«. Wir können Depressionen entwickeln, Ängste züchten oder unbeirrt Apfelbäumchen pflanzen oder dem NABU beitreten. Aber nachdem wir »Alles fühlt« gelesen haben, können sollten wir eines nicht: weiter verdrängen.

Empfehlenswert: »Alles fühlt« von Andreas Weber. Tipp: Antiquarisch als Taschenbuch kaufen; erschienen 2007 beim Berlin Verlag

Empfehlenswert: »Alles fühlt« von Andreas Weber. Tipp: Antiquarisch als Taschenbuch kaufen; erschienen 2007 beim Berlin Verlag

Und hier die Links:

Im August 2016 lud die WELT Weber zum Gespräch ein.

Veröffentlicht am 07.01.2017

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