Alles Banane?

Sie nicht zu kaufen, ist auch keine Lösung. Trotzdem nimmt man mit jeder Banane an einem ruinösen Rattenrennen teil

Je grüner die Kochbanane, desto unreifer, desto eher geeignet für Herzhaftes

Je grüner die Kochbanane, desto unreifer, desto eher geeignet für Herzhaftes

Triebgesteuert im Supermarkt

Sich einer Sache bewusst werden, das fängt ja meist ganz harmlos an. Dieser Tipp der Woche entzündete sich zum Beispiel anhand eines Interviews mit einem Harvard-Professor. Daniel Lieberman zerbricht sich den Kopf darüber, »why we take such lousy care of ourselves and our planet«. Er nennt das »the caveman’s dilemma«. Seine These: Wir verharren auf dem Entwicklungsstand von Höhlenmenschen, leben aber in Städten. Triebsteuerung hat Vorrang, blutiges Fleisch und süsse Bananen gibt’s im Supermarkt, aber um die Risiken einer komplexen Welt auf lange Sicht korrekt einzuschätzen, fehlt uns der Horizont (Link unten).

On the silly side

Greg Hanscom, der Lieberman für das amerikanische Umwelt-Magazin grist befragt, interessiert aber etwas ganz anderes: »Are you into paleo?« Das klingt ein bisschen wie: »Bist du einer von uns?» – »Not really«, antwortet Lieberman. »I think, to be honest, it is a bit on the silly side.« Da ist was dran: auch die Steinzeitkost  hat mit Haupt- und Nebenwidersprüchen zu kämpfen, vor allem auf dem Feld der sättigenden Kohlenhydrate. Weil Getreide, Brot und Nudeln verboten sind, unser Körper aber danach giert, greifen nordeuropäische Paleo-Fans gern auf tropische Stärkelieferanten zurück. Auf Yams und Maniok zum Beispiel oder eben auf Kochbananen. Und schon zündet Teil zwei der Bewussstwerdung. Diesmal tritt die Inspiration in Gestalt eines Munchies-Artikel auf. Sein Titel »Kochbananen – warum sie für alle billig sind, ausser für die Pflücker« (Link unten).

Agressives Dumping

Jetzt geht die Recherche los und einmal mehr werden wir unbeschwerten Konsumenten mit unangenehmen Fakten konfrontiert. Besonders erhellend ist eine Studie, die letztes Jahr von OXFAM veröffentlicht wurde. »Billige Bananen – wer zahlt den Preis?« beleuchtet die Rolle, die vor allem Aldi  im Bananenhandel spielt. An den Preisen des Discounters, so die Autoren der Studie, orientieren sich alle anderen großen Supermarktketten. Vor allem in Großbritannien sind die Bananenpreise regelrecht abgestürzt. Seit Anfang 2014 erobern Aldi und die Schwarzgruppe (Lidl, Kaufland) den englischen Markt und setzen die vergleichsweise fair agierende Supermarktkette Tesco unter Druck. Gesetzlich verankerte Mindestpreise in Ecuador werden durch unlautere Praktiken unterlaufen: Die Aufkäufer überweisen zwar die Rechnung mit dem Mindestpreis (6,22 $ für 43 Pfund), lassen sich aber vorher vom Verkäufer einen Scheck über die Differenz zum tatsächlich ausgehandelten Preis ausstellen.

Für knusprige Chips: Kochbananen in heißem Fett kurz frittieren - ganz köstlich

Für knusprige Chips: Kochbananen in heißem Fett kurz frittieren – ganz köstlich

Rattenrennen nach unten

Auf der Strecke bleiben die kleinen und mittleren Plantagen, die nicht im Besitz oder vertraglich an Produzenten wie Dole oder Chiquita gebunden sind. »Wenn Exporteure nur noch 1,50 bis 2 US-Dollar anbieten, dann ziehe ich es vor, die Früchte gar nicht erst zu verkaufen, denn die Kosten für Ernte und Verpackung sind höher. Dann kompostiere ich die Bananen und mache hohe Verluste», wird die Inhaberin einer mittelgroßen Bananenproduktion zitiert. Weil das Rattenrennen nach unten nicht zu gewinnen ist, sind viele Kleinbetriebe in Südamerika auf die lukrativeren Palmöl- oder Kakao-Plantagen umgestiegen. Das aber kostet wertvolle Arbeitsplätze: pro Hektar Bananenanbau entsteht ein Arbeitsplatz, lediglich eine Arbeitskraft pro 10 Hektar braucht man hingegen für eine Palmölplantage. Die Studie beantwortet auch die Frage, wer an den Bananen was verdient. Am wenigsten die Arbeiter. In der Bananenwertschöpfungskette betragen ihre Löhne 6,7 %, am meisten verdient der Einzelhandel am anderen Ende der Kette mit 34,6 %. Dazwischen profitieren noch Produzenten (6,1%), Exporteure (5,5 %) , Importeure (23,9 %), Zoll (11,8 %), Großhandel und Reifereien (11,4 %).

Make fruit fair!

Was tun? Keine Bananen zu kaufen ist nicht die Antwort. Die Plantagen sorgen in Südamerika und Afrika immerhin für (mies bezahlte) Arbeitsplätze. Fair gehandelte Bananen sind ein Fortschritt. Obwohl man angesichts des einen Dollars, den faire Händler drauflegen, auch nicht recht froh wird. Manchen Zertifkaten, wie sie etwa auf den Discount-Bio-Bananen prangen, ist schon gar nicht zu trauen: der Bananenriese Dole etwa hat seinen Zertifizierer kurzerhand gekauft, Chiquita arbeitet zwar seit rund 15 Jahren eng mit der Rainforest Alliance zusammen, was nichts anderes heißt, als dass hier eher Abhängigkeit statt Unabhängigkeit waltet. Abseits des Greenwashings von Lidl, Edeka und Rewe scheint am ehesten die Kampagne »make fruit fair« zum tieferen Verständnis beizutragen. Träger sind OXFAM, die Fair-Handels-Union Banana Fair und etliche entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen. Wenn du also vor deinem nächsten Bananenkauf nach Informationen wie diesen suchst: »85% der per Flugzeug ausgebrachten Pestizide landen nicht auf den Pflanzen der Plantagen, sondern auf den Flächen der Umgebung, den Menschen, den Häusern und den Feldern«, dann klick dich hier/slash Supermärkte! durch oder hier/Slash Home. Vielleicht gelingt es ja doch, dass sich einige von uns aus der Steinzeit auf eine höhere Entwicklungsstufe katapultieren…

Und hier die Links:

Auswahl von NGOs die für faire Bedingungen im Bananenhandel kämpfen: Bana Fair, Beyond The Peel, Equal Exchange Coop, Banana Link UK

»The Caveman’s Dilemma« – ein Interview mit Daniel Lieberman, Harvard Professor für Humane Evolutionsbiologie

Munchies-Artikel zu Kochbananen: »Plantains are cheap for everyone but the people who pick them«

Welt online spottet über die Paleo-Bewegung, bei spektrum der wissenschaft gibt’s eine Einführung

Zum Probieren: diese Kochbananen-Chips sind der Hammer – verspricht Nico von Paleo 360°

Veröffentlicht am 12.06.2015

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