Bauer unser

Ungeschönt und unaufgeregt: Hilft uns Robert Schabus Dokumentarfilm »Bauer unser« auf die Sprünge? Ein Gastbeitrag von Felicitas Klemp

Liegt die Zukunft in kleineren Höfen? Robert Schabus hat in Österreich den Hof von Friedrich Grojer besucht

Liegt die Zukunft in kleineren Höfen? Robert Schabus hat in Österreich den Hof von Friedrich Grojer besucht

Fast alle müssen kämpfen

Der österreichische Dokumentarfilm von Regisseur Robert Schabus »Bauer Unser« zeigt eine interessante Perspektive auf die Bäuerinnen und Bauern in Österreich. Denn gegen die Annahme, dass es den großen Betrieben wirtschaftlich gut gehe, verdeutlicht der Film, dass fast alle Höfe kämpfen müssen, um wirtschaftlich zu arbeiten. Der konventionelle Schweinebauer erklärt, dass er pro Schwein 8-9 Euro Verlust macht: Die Preise für Fleisch und tierische Produkte seien zu niedrig, so der Konsens der Bauern. „Mineralwasser sei teurer als Milch“. Doch die – problematische – Antwort der Bauern auf diesen (Preis-)Druck des globalisierten Marktes ist noch mehr Wachstum, um durch noch mehr Erzeugnisse mehr Geld verdienen zu können. Aber wie einige erkannt haben, können auf einem übersättigten Markt bessere Preise eben nicht durch mehr Erzeugnisse erzielt werden.

Unter welchen Bedingungen?

Dem Film gelingt es, die ganz unterschiedlichen Bäuerinnen und Bauern als Menschen zu porträtieren. Es wird darauf verzichtet zu polarisieren, die einen als gut und die anderen als böse darzustellen. Der Film vermittelt aber auch die Botschaft, dass die Zukunft in wenigen riesigen Betrieben liegen wird und dass es daneben wohl noch einige kleine, persönlich geführte Höfe geben wird. Der Wunsch nach biologischen erzeugten, regionalen Lebensmitteln komme von (wachsenden) Teilen der Gesellschaft, die es sich leisten können zu hinterfragen, wo die Lebensmittel herkommen und unter welchen Bedingungen für Natur, Tier und Mensch diese erzeugt werden.

Filmt die Landwirtschaft mit klarem Blick: Regisseur Robert Schabus

Filmt die Landwirtschaft mit klarem Blick: Regisseur Robert Schabus

Leuchtende Zukunft

Um das Bild abzurunden, interviewt Schabus einige wichtige EU-Politiker, wie den EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung Phil Hogan, dessen neoliberale Sichtweise unverkennbar ist. So spricht Hogan von den großen Zielen einer leuchtenden Zukunft der europäischen Landwirtschaft, die durch Exporte nach Afrika und Asien sowie Kanada und anderen erreicht werden soll. Ignoriert wird von Hogan, welche Folgen dies in den Ländern haben wird: zum einen die Zerstörung der dort heimischen bäuerlichen Strukturen, zum anderen die Verdrängung der in den Exportländern heimischen Agrarprodukte, die durch günstigere Preise der importierten Waren vom Markt vertrieben werden. Nicht bedacht wird von den interviewten Politikern, ob diese neoliberale Exportpraktis nicht eigentlich konträr zur sogenannten Entwicklungspolitik steht, wo ein Paradigmenwechsel eingeläutet wurde.

Status quo ist unerträglich

Ebenso wenig wird von den Politikern reflektiert, welche zusätzlichen Umweltbelastungen durch diese Art des massenhaften Billig-Exports hierzulande entstehen. Im Film wird ein Vertreter des Aufsichtsrats des Weltagrarberichts, Benedikt Haerlin interviewt, welcher als Antagonist zu den Poltiker_innen, Lobbisten und Verter_innen der Nahrungsmittelindustrie und Bauerverbänden auftritt. Zwar macht Haerlin deutlich, dass er den Status quo als unerträglich empfindet, wie etwa den Export von Milchpulver in den globalen Süden oder den Sojaanbau in Südamerika als Tierfutter für Europa. Er weist auch darauf hin, dass das österreichische Vieh doch eigentlich argentinisch oder brasilianisch sei. Aber die Konsequenzen für die Verbraucher_innen, welche durch ihren Konsum ein Teil des Ganzen sind, werden gänzlich ausgeblendet. Auch andere Fragestellungen bleiben unterbelichtet: So konstatiert der Film etwa, dass es, um mehr Menschen zu ernähren, mehr Tiere bräuchte. Dieses Faktum wird als unverrückbar vorgegeben. Doch die nur scheinbar logische Schlussfolgerung: „Mehr Menschen = mehr Tiere“ nimmt die Zuschauer aus der Verantwortung, ihr eigenes Essverhalten, ihre eigenen Ernährungsweisen zu überdenken.

In zentralen Fragen zu kurz gedacht

Der Weltagrarbericht widerlegt diese so einfach und plausibel erscheinende Gleichung und weist darauf hin, das Problem sei nicht die wachsende Weltbevölkerung, sondern wie wir uns ernähren und was wir essen. Im Weltagrarbericht wird nachgewiesen, dass momentan schon ausreichend Kalorien erzeugt werden, um theoretisch alle Menschen zu ernähren. Doch wie diese Kalorien verschwinden, wird im Film nicht aufgeschlüsselt, nämlich etwa durch die Umwandlung von pflanzlichen in tierische Kalorien. Im Film werden hingegen Zahlen genannt, wie viele Menschen ein österreichischer Bauer und/oder eine Bäuerin in der Vergangenheit ernährte und wie viele heute. Heute werden durch die hohe Produktionsleistung der Tiere und durch Technisierung der Landwirtschaft weit mehr Menschen ernährt. Eine Schwäche dieses Films ist es, dass gerade in zentralen Fragen nicht weitergedacht wird. So wird etwa nicht darüber aufgeklärt, dass heute signifikant mehr an tierischen Produkten pro Mensch konsumiert wird. Dies könnte man als mangelnde Blick über den traditionellen Tellerrand hinaus beschrieben und schmälert die Leistung dieses in vieler Hinsicht sehenswerten Films von Robert Schabus.

»Sehenswert, aber zu kurz gedacht«, Felicitas Klemp über »Bauer Unser« von Robert Schabus

»Sehenswert, aber zu kurz gedacht«, Felicitas Klemp über »Bauer Unser« von Robert Schabus

Felicitas Klemp, geb. 1992, absolvierte 2015 den Urbanistik Bachelor im Fach „Kultur der Metropole“ an der HafenCity Universität Hamburg mit einer Abschlussarbeit über Vertical Farming. Derzeit studiert sie im Masterstudiengang Geographie an der Universität Hamburg, wo sie sich weiterhin mit den Fragen der Ernährung – lokal und global – auseinander setzt, unter Einbeziehung der Aspekte Verknappung der Ressourcen und Flächenkonkurrenz. Im Rahmen eines Stipendiums wird sie diesen Sommer nach Vancouver reisen, um für ihre Masterarbeit das regionale Ernährungssystem im soziopolitischen Diskurs der Stadt Vancouver zu erforschen.

Der Trailer

 

 

Und hier die Links:

Wer, wann, wo? Das alles beantwortet die Website vom Filmverleih

Steig tiefer in die Materie ein:  FACT_SHEET_BauerUnser

 

Veröffentlicht am 27.03.2017

 

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