Noch nicht durch: Bayer schluckt Monsanto

Aktuelle Mergers & Acquisitions erlauben einen kurzen Blick hinter die Kulissen der Giftmischerindustrie

Aktueller Stand (10.03.2017): Zusammenfassung von Fruchthandel Online

Diesen Tweet hat Dr. Vandana Shiva am am 22. Mai 2016 retweetet

Diesen Tweet hat Dr. Vandana Shiva am am 22. Mai 2016 retweetet

Tut sich Bayer einen Gefallen mit seiner Ankündigung, Monsanto kaufen zu wollen? Darüber rätselt »Die Zeit». Sie fragt: »Warum investiert der Leverkusener Konzern, der seine Bekanntheit vor allem den Erfolgen in der Arzneientwicklung verdankt, nun plötzlich in die Agroindustrie?« Große Augen, unschuldiger Blick. Bambi lässt grüßen. Die Bösen, das sind ja bekanntlich die Jungs von Monsanto. »Bayer dagegen verdankt seinen Ruf weitgehend dem über hundert Jahre alten Schmerzmittel Aspirin, das bis heute zu den bekanntesten Marken der Welt zählt.« Hach, ja. Harmlose Deutsche, fiese Amis. Dass der Leverkusener Pharma-Konzern einen unrühmlichen IG-Farben-Fleck auf der Weste hat, blenden wir, anders als die Trägerin des Alternativen Nobelpreises Vandana Shiva, lieber mal aus. Wir wollen ja nicht polemisch werden. Dass Bayer aber in den letzten Jahren zu den größten Agro-Konzernen der Welt aufgestiegen ist, und beim Europäischen Patentamt die meisten Gentech-Patente hält, sollte man als deutscher Wirtschaftsjournalist eigentlich parat haben: Bayer besitzt 206 der insgesamt rund 2.000 Patente, die in Europa auf transgene Pflanzen erteilt wurden und liegt damit auf Platz eins, noch vor Pioneer (179), BASF (144), Syngenta (135) und Monsanto (119). Im Pestizidmarkt hatte Bayer 2011 einen Marktanteil von 17 % und lag damit knapp hinter Syngenta mit 19 %. Das gesamte globale Pestizidmarktvolumen wird auf 44 Milliarden $ geschätzt. Diese Summe teilen die Top-Ten der Agrochemiekonzerne zu 90 % untereinander auf. Auf einem deutschen Acker werden laut Umweltbundesamt pro Jahr 9 Kilogramm Pestizide ausgebracht. Nur auf 6,3 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche arbeiten 8,2 % der deutschen Bauern ökologisch, also ohne den Einsatz von Gentechnik und Pestiziden.

Deutschland vs. China

Seriöser als »Die Zeit« widmet sich die »Frankfurter Rundschau« der angekündigten Übernahme: »Bayer ist gemessen am Umsatz von rund 46 Milliarden Euro etwa viermal so groß wie Monsanto. Das US-Unternehmen ist in seinem Geschäftsfeld (Saatgut und Pflanzenschutz) in den Vereinigten Staaten sehr stark, Bayer hat auf diesem Gebiet in Europa und Asien eine herausgehobene Position – eine beinahe ideale Ergänzung also.« Mit dem Kauf von Monsanto könnten die Leverkusener ihre Schlappe wettmachen, die darin besteht, dass sie den Konkurrenten Syngenta nicht wie beabsichtigt haben schlucken können. Dieser gehört jetzt den Chinesen. Zitat FR: »Der chinesische Staatskonzern ChemChina hat im Februar für 43 Milliarden Dollar Syngenta, Monsanto-Rivale aus der Schweiz, übernommen.«

Glyphosat (Monsanto) ≈ Glufosinat (Bayer)

In Zeiten, da eine ungeahnt breite Öffentlichkeit gegen das Monsanto Gift Glyphosat zu Felde zieht, wird häufig vergessen, dass Bayer mit Glufosinat eine chemische Entsprechung anbietet und damit erfolgreich unter der Empörungsschwelle segelt. Außer »Greenpeace« und der »Coordination gegen Bayer Gefahren« juckt es nur wenige, dass Bayer gegen das 2013 verhängte Neonicotinoid-Verbot der EU-Kommission Klage eingereicht hat. Zur Erinnerung: Neonicotinoide werden für das weltweite Bienensterben verantwortlich gemacht. Der Konzern hat sich 2011 außerdem mit 11.800 US Farmern auf eine Strafzahlung von 750 $ Millionen geeinigt – als Entschädigung für die Kontamination derer Felder mit dem gen-manipulierten Reis »Liberty Link«. Wir haben es also keineswegs »plötzlich« mit einem Marktplayer zu tun, der im toxischen Wettrüsten gegen Insekten, Amphibien, Vögel und Wildwuchs eine untergeordnete Rolle spielt. Ganz im Gegenteil: Gelänge den Leverkusenern der Monsanto-Kauf, ginge es mit dem Ausradieren von Artenvielfalt sicher noch schneller.

Biene und Schmetterling teilen sich eine Blüte beim Bingenheimer Saatguttag

Biene und Schmetterling teilen sich eine Blüte beim Bingenheimer Saatguttag

Alarmierendes Insektensterben

Warum so viel Schaum vorm Mund? Googelt man »Insektenmonitoring« löst das erstmal eine Kaskade von Bekämpfungsmethoden aus – vom Bettwanzen-Detektor über Silberfischchen-Fallen bis zur Tauben-Abwehr. Man sieht, wo die Allgemeinheit Prioritäten setzt. Weiter unten landet man schließlich bei einer Meldung vom NABU, datiert vom Januar 2016. Zwischen 1989 und 2014 hat der NABU in Nordrhein-Westfalen ein Insektenmonitoring durchgeführt und ist zu einem alarmierenden Ergebnis gekommen: »Während wir 1995 noch 1,6 Kilogramm aus den Untersuchungsfallen sammelten, sind wir heute froh, wenn es 300 Gramm sind“, sagt der NRW-Landesvorsitzende Josef Tumbrinck. Ein Rückgang von bis zu 80 Prozent, der unter anderem Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen betrifft. Noch drastischer beschreibt es ein Artikel in der Biomarkt-Zeitung »Schrot & Korn« mit dem Titel »Wir sind dann mal weg«. Mir persönlich ist das Fehlen der Insekten noch nie so aufgefallen wie in diesem Jahr. Es könnte an der Kälte liegen, aber NABU Geschäftsführer Leif Miller sagt über die Ursachen: »Den Klimawandel oder besonders kalte oder warme Winter können wir ausschließen. Vieles deutet darauf hin, dass wir es mit einer weit reichenden Vergiftung der Insekten in unserer Umwelt zu tun haben.« Geht es mit dieser Vergiftung weiter – und so sieht es aus – betrifft es unserer aller Lebensgrundlagen. Man muss es nicht mal so chronisch anthropozentrisch sehen wie die Mainstream-Medien oder die Politik, die sich darüber streitet, ob Glyphosat nun krebserregend ist oder nicht (unter Laborbedingungen, wohlgemerkt). Es ist relativ schnuppe, ob Glyphosat nun effektiver als Glufosinat ist. Beides gehört verboten und, was nicht dasselbe ist, aus dem Verkehr gezogen. Womit wir wieder bei diesem harmlosen Aspirin-Konzern mit seiner unbescholtenen Vergangenheit wären…

Und hier die Links:

Den Zusammenhang zwischen Bayer und IG Farben (Zyklon B) kannst du hier und hier nachlesen

Ein englischsprachiger Artikel über die Konzern-Geschichte
Nicht nur Monsanto, sondern auch Bayer bei KEIN PATENT AUF LEBEN

Markanteile führender Pestizidhersteller 2011, Quelle: Statista

NABU-Meldung »Dramatisches Insektensterben« vom Januar 2016

Schrot & Korn-Artikel »Wir sind dann mal weg«, Mai-Ausgabe

Wissenswertes zu Neonicotinoiden vom BUND und von agrarheute.de

Rezension von »Eine Welt ohne Insekten« von Mario Markus

Auf Taspo.de hältst du dich über Glyphosat auf dem Laufenden

Greenpeace über Monsantos Machtstrategien, Coordination gegen Bayer-Gefahren über Bayers Machtstrategien

Huch!? Plötzlich gibt es diese bösen, bösen Resistenzen – dagegen hilft nur Vielfalt! Wie Bayer uns für dumm verkauft

Dazu schreibt Greenpeace: »Derzeit sind in der EU nahezu 500 Pestizidwirkstoffe zur Verwendung zugelassen. Die Zahl der im Handel erhältlichen Pestizidformulierungen ist um einiges höher, da Pestizide in Form von unterschiedlich zusammengesetzten („formulierten“) Produkten verkauft werden.(..)Formulierte Pestizidprodukte können eine weitaus höhere Toxizität aufweisen als der Wirkstoff allein. Und Pestizidrückstände kommen meistens nicht einzeln, sondern in Kombinationen vor: Angesichts dieser Faktoren ist es alarmierend, dass die EU bis jetzt versäumt hat, entsprechende Bestimmungen für diese Produkte zu erlassen.Die wissenschaftliche Literatur beschreibt sowohl additive als auch synergistische, also sich gegenseitig verstärkende, Wirkungen von Pestiziden. Dennoch finden diese in Risikobewertungsverfahren derzeit keine Berücksichtigung.«

Und weil’s so schön ist, noch ein Greenwashing-TV-Spot aus der Mottenkiste des Großkonzernadvertising

Veröffentlicht am 25.05.2016

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