Folge dem Geld

In ihrem Buch »Die Wegwerfkuh« rechnet Tanja Busse vor, warum Riesenherden unwirtschaftlich sind

Aus der Bücherhalle entliehen und in einem Rutsch gelesen

Aus der Bücherhalle entliehen und in einem Rutsch gelesen

Groß bringt kein Moos

Tanja Busse ist Tochter eines Bauern und vom romantisierenden Laienblick der Städter auf die Landwirtschaft genervt. Gleichwohl enthüllt sie die Betriebsblindheit, unter der viele Milchwirte leiden, indem sie dem Primat von Größe und Wachstum folgen. Um das zu belegen, erwähnt die promovierte Philosophin und ehemalige WDR-Redakteurin eine Studie, die der Deutsche Holstein Verband im Jahr 2013 durchgeführt hat. Dieser hatte die Leistungen aller im Jahr 2013 geschlachteten Milchkühe verglichen und nach Herdengrößen aufgeschlüsselt. Zitat aus dem Buch: »Das Ergebnis: Kleine Betriebe lassen ihre Rinder später zum ersten Mal kalben, sie nutzen ihre Kühe länger und erzielen mehr Milch pro Kuh. Die besten fünfzig Höfe mit 20 bis 39 Kühen weisen eine Lebenstagleistung von 19,8 Kilogramm auf (Milchleistung umgerechnet auf Lebenstage), die besten fünfzig Höfe mit mehr als 500 Tieren bringen es nur auf 17,3 Kilogramm pro Kuh. Bei der Nutzungsdauer ist der Unterschied noch größer: In den kleinsten Betrieben lag sie bei 59,5 Monaten, in den Riesenherden nur bei 39,1. Ein Unterschied von mehr als zwanzig Monaten! Solche Ergebnisse stellen die herrschende Lehre von den effizient wirtschaftenden Großbetrieben und den kleinen antiquierten Auslaufmodellen auf den Kopf.«

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Wem nützt es?

Die Autorin weist anhand vieler Beispiele nach, dass die herrschende Wirtschaftslehre für Landwirte mit Ineffizienz, Verschuldung und Selbstausbeutung verbunden ist. Stellt man sich die Frage »Cui bono« (Wem zum Vorteil?), findet sich schnell eine Antwort. Busse hat dazu die promovierte Agrarwissenschaftlerin Andrea Beste befragt. Sie sagt: «Es gibt viele, die Profiteinbußen haben, wenn man das System ändert. […] Molkereien, die einen billigen Rohstoff wollen, Händler, die gerne zu billigen Weltmarktpreisen exportieren möchten, Futtermittelproduzenten, die an Weidehaltung nichts verdienen, Agrarchemieunternehmen, die an dem intensiven Anbau von Futtermitteln verdienen. Deshalb ändert sich das nicht.« Eine Sackgasse, aus der schwer herauszufinden ist: Nach der Lektüre wird klar, dass sowohl Tiere als auch Bauern die Opfer einer Illusion, eines nur scheinbar vernünftigen Systems sind.

Es reicht!

»Die Wegwerfkuh« hat seit dem Erscheinen in 2015 für reichlich Zündstoff gesorgt. Einigen Großverbänden und Agrar-Medien erscheint Busse als lästige Nestbeschmutzerin. Auch Blogger »Bauer Willi« hat das Buch mit Stirnrunzeln gelesen. Doch immerhin hat er sich mit der Autorin zum Gespräch getroffen (siehe Link unten). Auf diese Weise wird das von Busse beklagte brancheninterne Denkverbot zumindest etwas aufgebrochen. Es ist ja nicht so, dass Bauern, Verbände, Journalisten, Tierärzte und Konsumenten nichts vom Elend der Milchkühe wüßten. Nur ist der Drang aller am System Beteiligten etwas an dem Leid zu ändern nicht besonders ausgeprägt. Geld regiert die Welt. Die meisten von uns befinden sich in einer kollektiven Angststarre, weil wir meinen, nie genug davon zu haben. Lösungswege wie »Solidarische Landwirtschaft«, Deutschlands »Regionalwert AGs« oder die aus Frankreich stammende Idee der »Food Assembly« sind erste Ansätze, aus der Sackgasse herauszufinden. Sie bringen Erzeuger und Verbraucher einander näher. Ein erster Schritt. Aber es müssen weitere folgen, falls wir uns selbst, die Tiere und den Planeten nicht völlig runterrocken wollen. Warum, erklärt Tanja Busse mit »Die Wegwerfkuh« erschreckend klar und deutlich.

Und hier die Links:

Tanja Busse: »Die Wegwerfkuh« Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verwschwendet und was wir dagegen tun können, Blessing Verlag, 2. Aufl. 2015

Im Gespräch mit Blogger Bauer Willi stellt Tanja Busse klar, dass es ihr nicht um Schuldzuweisungen geht

Veröffentlicht am 03.08.2016

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