Gott spielen im Heimlabor

Du suchst ein neues Hobby? Lies einfach Rüdiger Trojoks »Bio Hacking – Gentechnologie für alle«

DNA Isolation Kit, S. 102 von Rüdiger Trojoks Buch »Bio Hacking«, pixabay, CCO public domain

DNA Isolation Kit, S. 102 von Rüdiger Trojoks Buch »Bio Hacking«, pixabay, CCO public domain

Die Gewinner des diesjährigen CRISPR/Cas9 – Wettbewerbs stehen fest. Gold gewannen Teams von der Tsinghua Universität in Peking, der ETH Zürich und der katholischen Alverno Highschool aus Kalifornien. Alle Gewinner erhalten, so heißt es auf der Website des führenden Bio Hacking-Netzwerks iGEM, einen 20 % – Rabatt auf die Dienstleistungen »Standard gene synthesis«, »Express Cloning«, »VectorArk Cloning« und »Subcloning«. Was für uns Deutsche klingt wie ein Realität gewordener Albtraum, erscheint im Licht internationaler Life-Science denkbar unkompliziert. Die Bekanntgabe der Sieger wird mit dem Hinweis flankiert:  »To receive your discount, use the promo code iGEM2016MB20%OFF and include your team name when you place the quote. This discount is available until October 31, 2016.«

Ziegen geben Spinnenseide

Rabattaktionen wie diese gelten im weiteren Sinne als »Inkubation«. Je schneller Studenten und Bio Hacker auf dem Feld der Synthetischen Biologie vorankommen, desto eher eröffnen sich neue Geschäftsideen für Start Ups und deren Geldgeber. In der 2012 ausgestrahlten BBC-Dokumentation »Playing God« stellt der britische Genetiker Dr. Adam Rutherford einige kommerziell nutzbare  Anwendungen moderner Gentechnologie vor, welche spätestens seit der Entdeckung der sogenannten Genschere CRISPR/Cas9 einen wahren Boom erlebt.

Wohin die Reise geht

Sogenannte »Spider-Goats«, Ziegen, denen man Gencodes von Spinnen eingepflanzt hat, geben Milch, aus welcher sich Spinnenfäden gewinnen lassen. DNA-Sequenzen aus dem Genom von Tintenfischen werden auf Sensoren aufgebracht und sorgen dafür, dass sie je nach Lichteinfall ihre Farbe verändern. Mutierte Hefezellen produzieren im großen Stil Dieselöl. Zierpflanzen, in die man den für Fluoreszenz zuständigen Genschnipsel von Tiefseealgen geschleust hat, leuchten im Dunkeln (Doku unten eingebettet). Außerhalb Europas wächst die Do It Yourself-Genbastler-Gemeinde exponentiell. Röhrchen mit DNA, Enzymen und Plasmiden kommen per Post; in gemeinschaftlich betriebenen Hobbylaboren werkeln bereits Kinder mit Pipette, Petrischale und PC bei dem Versuch Lebewesen herzustellen, die die Natur so nicht kennt.

Wann leuchten sie denn?

Gottseidank: ganz so einfach geht es nicht. In dem Artikel »Warten auf die Erleuchtung« meldet die Nerd-Plattform Heise, dass das Projekt der nachts leuchtenden Rose zu scheitern droht. Es wurde durch ein Crowdfunding auf Kickstarter ermöglicht, die Entwickler sammelten knapp eine halbe Million Dollar ein. Um die Pflanze zum Leuchten zu bringen, sollten luminiszente Gene von Leuchtkäfern oder Bakterien in die Pflanze geschleust werden. 2010 war es Alexander Krichevsky gelungen, eine schwach leuchtende Tabakpflanze zu kreiieren, allerdings nach drei Jahren Entwicklungsarbeit in einem gut ausgestatteten Universtitätslabor. Um ihren Ruf bei den Spendern der Crowdfunding-Kampagne zu retten, wollen die Initiatoren als nächstes ein nach Patchouli duftendes Moos als Lufterfrischer synthetisieren.

»Leben kann man programmieren«

Wie geht man mit den Implikationen der Synthetischen Biologie zeitgemäß um? Nur durch einen Open-Source-Ansatz, wie Computer-Nerds ihn in aller Welt zum Wohl der Menschheit praktizieren, sagt Rüdiger Trojoks. Der 31-jährige Molekularbiologe ist Berater des Büros für Technikfolgen-Abschätzung des Deutschen Bundestages (TAB). Er plädiert dafür, das Geschäft nicht allein den großen Konzernen (oder Drogenkartellen) zu überlassen. Bei der Lektüre seines Buches »Bio Hacking – Gentechnologie für alle« stellt es ökologisch sozialisierten Menschen öfters die Nackenhaare auf. Trojoks, Bio Hacker der ersten Stunde, formuliert sein Wissen ziemlich nonchalant. Die Feststellung »Leben kann man programmieren« muss man erstmal verdauen. Doch der junge Mann weiß bereits, wie’s geht. Mit den Worten »Mithilfe moderner Software kann die Synthetische Biologie den digitalen Code des Lebens umschreiben« leitet er nach der Theorie zur Praxis über. Hier geht’s um Hardware und Laborausstattung, die auch für Hobbygentechniker erschwinglich ist. In einem youtube Podcast bedauert der Autor, dass die Bio Hacker-Szene in Europa noch recht unterentwickelt sei. Gerade mal eine Handvoll »Loner« basteln und editieren hierzulande mit DNA. Die Szene wird vor allem von Künstlern dominiert. Ganz anders verhält es sich in den USA. Dort ist das DIY Bio Hacking »pretty unregulated«. Und nicht alle finden das toll, wie die nachfolgenden youtube-Clips zeigen.

Bio Hacking für die Massen

»Fuck you, i am doing it anyway«, beantwortet Josia Zayner auf youtube die Frage nach Gesetzgebung und Kontrolle. Der Biohacker ist Gründer des Biotech Start ups »The Odin«. Die Firma wirbt mit dem Slogan »Bringing CRISPR to the masses«. Sie versendet 140 $ Mailorder – CRISPR Kits. Doch seht selbst:

R.U. Sirius und Jay Cornell stehen der Bio Hacker Szene durchaus nahe. Doch die Autoren von »Transcendence – The Disinformation Encyclopedia of Transhumanism and the Singularity« treten, vielleicht weil schon etwas älter, als Bedenkenträger auf. »Things are getting in a sense out of control«, sagt Jay Cornell. Und er fährt fort: »There are scenarios in which something relatively innocent could turn bad. Personally i am worried that somebody is getting their little DNA-Machine and decide to cleanse the world of humans, or whatever.« Hier das Video:

Ein anderes, eher trauriges Zeugnis legt Austen Heinz ab. Nach seinem Studium in Südkorea sammelte Heinz 10 Millionen Risiko Kapital ein und gründete damit die Firma Cambrian Genomics. Geldgeber waren unter anderen Yammer Co-Gründer Adam Pisoni, Draper Associates und der Cloudera Gründer Jeff Hammerbacher. Cambrian »druckte« für Pharmafimern wie Glaxo Smith Kline und Roche am 3 D Laser-Printer DNA aus (eine gewagte Behauptung). Er sagte: »To think we can’t make organisms, that are more efficient than existing, i don’t think is correct. Because Nature doesn’t have DNA-Laser-Printers. But we do.« Mit 31 Jahren verübte Austen Selbstmord. Investoren hatten massiv Geld aus der Firma abgezogen, weil Austen sich an einem Unternehmen beteiligte, welches biotechnologisch nach Pfirsich duftendes Vaginalsekret erzeugen wollte. Er gab sensible medizinische Daten preis und sah sich schweren Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt.

Zum Abschluss die BBC-Dokumentation: »Playing God«, Erstausstrahlung Januar 2012

Schlusssätze: Die meisten Bioverbände definieren die CRISPR/Cas9-Methode als Gentechnik und fordern eine strenge Regulierung. Das Problem: Ob Pflanzen oder Tiere mit der Genschere umprogrammiert wurden, lässt sich im nachhinein nicht nachweisen. Damit entfällt die Möglichkeit der Kontrolle. Dazu gibt es eine Ad hoc-Stellungnahme deutscher Wissenschaftler. PS: Das als Selbstklonierung bezeichnete Verfahren ist schon heute vom EU-Gentechnikgesetzt ausgenommen (siehe EU-Richtlinie 2009/41 EG). To be continued…

Und hier die Links:

Rüdiger Trojoks: »Bio Hacking – Gentechnologie für alle«, Franzis Verlag, 224 Seiten, 19,95 €, EPub 9,99 €

Seit 2004 organisiert das MIT (Massachusetts Institut of Techonolgie) den Wettbewerb der Stiftung iGEM – The Internationale Genetically Engineered Machine

Hope, Hype and Fear: Die Einschätzungs des Büros für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) ordnet die Synthetische Biologie ein – weitere PDFs zum Download hier und hier

Alles ganz harmlos – auch die Gen-Bombe, die dank CRISPR/Cas9 möglich ist. Lies selbst!

Veröffentlicht am 10.08.2016

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