Welches Buch für welchen Typ?

Lektüre für Wachstumsphobiker, Trostsuchende, Unerschrockene und Leckermäuler – #Xmas Geschenktipp 2015

Mitgefühl statt Neoliberalismus empfiehlt Arno Gruen in »Dem Leben entfremdet«

Mitgefühl statt Neoliberalismus empfiehlt Arno Gruen in »Dem Leben entfremdet«

Dem Leben entfremdet

Arno Gruen hat dieses Jahr das Zeitliche gesegnet. Mit 13 vor den Nazis aus Berlin in die USA geflohen, beschäftigte sich der in der Schweiz lebende und lehrende Psychoanalytiker zeitlebens mit dem Zusammenhang von Gehorsam und Faschismus. In seinem letzten Buch »Dem Leben entfremdet« zieht er die Blende noch einmal ganz weit auf. Anhand dutzender Studien belegt er, dass schon mit dem Entstehen der ersten Hochkulturen der Keim für Krieg, Terror, Unterwerfung und soziale Abwertung gelegt wurde. Zitat: «Die vorkapitalistischen, archaischen Gesellschaften waren nicht-kumulative Gesellschaften. Ihre Produktionsbedingungen ermöglichten (…) stabile, gesellschaftliche Strukturen. Diese frühen Gesellschaften verfügten einheitlich über gemeinwirtschaftliche ökonomische Grundlagen; eine Ausbeutung von Menschen durch Menschen fand nicht statt.« Sätze wie diese empfehlen das Buch all jenen, die die uns umgebenden Kollaps-Signale* nicht nur fürchten, sondern auch als Chance begreifen. Der Weg zur Menschlichkeit führt über das Zulassen schmerzhafter Gefühle. Oder verkürzt gesagt: nicht Leistung muss sich wieder lohnen, sondern Mitgefühl. Fazit: xmas-Geschenkempfehlung – für Wachstumsphobiker und Neoliberalismusgegner.

* siehe auch Ulrike Herrmann »Der Sieg des Kapitals» und Fabian Scheidler «Das Ende der Megamaschine»

Tröstlich, wenn man gerade schwere Zeiten durchmacht: Natalie Knapp »Der unendliche Augenblick«

Tröstlich, wenn man gerade schwere Zeiten durchmacht: Natalie Knapp »Der unendliche Augenblick«

Der unendliche Augenblick

»Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind« – das wollte man schon lange mal wissen. Leichtfüssig wie eine Elfe bugsiert Natalie Knapp ihre Leser durch die Untiefen des Lebens. Sei es der Tod naher Angehöriger, eine Krebsdiagnose oder ein altersbedingter Leistungsknick: alles halb so wild. Solange man sich der Tiefe des Schmerzes hingibt und Ohnmachtsgefühl Ohnmachtsgefühl sein lässt, wird man im Rückblick Schicksalsschläge aller Art als bereichernd empfinden. Die Zeit heilt alle Wunden, solange wir nicht verlernt haben, sie zu fühlen. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin, die ausserdem Religionsphilosophie und – geschichte studiert hat, gesellt zu jedem noch so apokalyptischen Doomsday-Fakt einen berechtigten Blick in Richtung Hoffnung. Kompakt, in Buchform, wirkt das auf schwer traumatisierte Menschen möglicherweise ein wenig oberflächlich. Burnout-Gefährdete wie dich und mich hellt Knapps »Der unendliche Augenblick« jedoch zuverlässig auf. Ein Buch, welches man aufbewahren sollte. Man wird es in den kommenden Jahren gewiss noch brauchen. Fazit: xmas-Geschenkempfehlung – für Trostsuchende und Rekonvaleszenten.

Für alle, die das Wort »Krieg« leichtfertig verwenden sind alle Bücher von Swetlana Alexijewitsch Pflichtlektüre!

Für alle, die das Wort »Krieg« leichtfertig verwenden sind alle Bücher von Swetlana Alexijewitsch Pflichtlektüre!

Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

Wir wir alle wissen, wurde Swetlana Alexijewitsch dieses Jahr mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Eine großartige Entscheidung! Und doch ist die Auszeichnung verblüffend, da es im Werk der studierten Journalistin weder um Kunst noch Fiktion geht. Vielmehr collagiert sie die Stimmen von Menschen und lässt ein Panoptikum menschlicher Biografien entstehen: man liest das Buch »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« wie ein Voyeur, blickt wie durch ein Schlüsselloch auf gelebtes Leben. Und erfährt die Wahrheit über den Krieg. Das sind keine Lügen, die die russischen Frontkämpferinnen oder Scharfschützinnen da vor uns ausbreiten, sondern Erinnerungen und eingekapselte Emotionen – »so grausam», wie sie sagen, »das können Sie sich nicht vorstellen«. Sie sei eine Menschenforscherin, sagt Alexijewitsch, daher sei sie nicht an den heroischen Mythen der Geschichtsschreibung interessiert. Auch in ihrem jüngst erschienenen Buch »Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus« offenbart die Nobelpreisträgerin mehr über den real existierenden Menschen als wir vielleicht wissen wollen: nämlich wie barbarisch sich der Mensch, Mann wie Frau, in Kriegen und totalitären Systemen verhält.  Fazit: xmas-Geschenkempfehlung – für Unerschrockene und Wahrheitsliebende.

Hält nicht, was der Titel verspricht - trotzdem eine Schatzkiste für Rezepte

Hält nicht, was der Titel verspricht – trotzdem eine Schatzkiste für Rezepte

Heimische Superfoods

Nicht umsonst bin ich kürzlich der Facebook-Gruppe »Archiv der enttäuschten Erwartungen« beigetreten. Das Buch von Dr. Barbara Rias-Bucher »Heimische Superfoods« gehört eindeuting in diese Kategorie. Tja, so ist das mit Marketing-Labeln: heimisch ist das bessere regional, für Gesundheitsapostel ist Superfood das Zauberwort schlechthin. Haha, reingefallen! Denn statt wie erhofft zu Unrecht vergessene Lebensmittel wie Buchweizen, Topinambur oder Leinsamen zu rehabilitieren, präsentiert die Autorin jede Menge Rezepte mit Carob, Curry oder Avocado. So gesehen reicht heimisch dann bis nach Afrika, Indien oder in den nahen Osten. Aber am Ende macht das auch wieder nichts, denn neben gesundheitlich wertvollem Basiswissen finden sich trotzdem einige Schätze: ein Rezept für körniges Gerstenbrot beispielsweise, eine Anleitung zum Backen von Quitten oder ein Leitfaden für den Erdmandel-Eigenbau. Was lernen wir daraus? Werden Erwartungen enttäuscht, biegt nichtsdestotrotz unerwartet Gutes um die Ecke – gelegentlich. Fazit: xmas-Geschenkempfehlung: für Flexible und Leckermäuler.

Und hier die Links:

Arno Gruen im Interview »Warum sind wir so gern gehorsam?«, Deutschlandradio Kultur

Hier geht’s zu Natalie Knapps Website anders denken

Swetlana Alexijewitsch bei Wikipedia

Dr. Barbara Rias-Bucher bei Wikipedia

Wo findet ihr die Bücher im Internet? Arno Gruen hier, Natalie Knapp hier, Swetlana Alexijewitsch hier, Dr. Barbara Rias-Bucher hier

Veröffentlicht am 29.11.2015

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