Die Schleimfraktion

Quellen Leinsamen in derselben Rekordzeit zu veganem Pudding auf wie Chia-Samen? Sind sie vielleicht das überlegene Material?

Veganer Pudding: halbe Banane, halbe pink Grapefruit, crushed Eis - mixen, 2 El Leinsamen, quellen lassen, süssen

Veganer Pudding: halbe Banane, halbe pink Grapefruit, crushed Eis – mixen, 2 El Leinsamen dazu, quellen lassen, süssen

Du auch Baby?

Etwas Besseres als der Veganismus hätte der Lebensmittelindustrie überhaupt nicht passieren können. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich wünsche Marc Pierschel für sein Projekt »The End of Meat« jeden erdenklichen Erfolg. Gerade versucht er den Film von der Crowd finanzieren zu lassen – via Indiegogo. Schon ab Sekunde 30 stellen Bild und Ton dem kritischen Geist jedoch die Haare auf: »New vegan products are released every week.« Pierschel hat Recht – man reibt sich verwundert die Augen, was da plötzlich alles im Regal steht. Gerade an dieser Stelle wird das leicht Regressive der Bewegung deutlich. Zum Beispiel Chia-Samen: Veganer lieben sie, weil sich dank ihres Quellvermögens mittels Nußmilch eine Art Pudding damit herstellen lässt. Dieser erfüllt dann das Bedürfnis nach »süß«,  »muss nicht kauen«, »kann ich löffeln«, »ich brauch Trost«, »es muss doch von Konsistenz her irgendwas Ähnliches wie Joghurt geben« und »her damit, aber dalli«  – instant satisfaction , in regressiven Momenten braucht man das. Muss aber manchmal teuer bezahlt werden.

Chia-Samen: Auswahl Anbieter/ Preis pro 100 Gramm
Bulk Powder100 g1,79 €
Govinda100 g2,19 €
Sachia100 g3,31 €
Nu3100 g3,33 €
Raab Vitalfood100 g3,40 €
Davert 100 g3,57 €

Warum so teuer?

Geht’s hier jetzt um den billigsten Preis? Nope! Empfehlenswert (wenn überhaupt) ist sogar das teuerste Angebot von Davert, weil sympathischer Hersteller. Es sollte aber klar sein, dass nicht die weiten Transportwege, die Verödung durch Monokulturen oder die fairen Löhne für die Chia-Bauer eingepreist sind. Eingepreist sind neben Forschung und Entwicklung vor allem das Marketing, oder Storytelling, wie es heutzutage heißt. Chia-Samen schmecken nach nichts, werden aber als Powerfood der Azteken wahlweise Gold der Inka oder Schlankheitsformel der Stars verkauft. Mal bedeutet ihr Name aus dem Indianischen übersetzt »Kraft«, mal »Fett«. Gerade letzteres, ein angeblich fantastisches Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6-Fettsäuren, untermauert den gesundheitlichen Nutzen. Dabei ist die Studienlage reichlich dünn und je nach Charge und Herkunft soll der Gehalt an wertvollen Fettsäuren erheblich schwanken. Genaues weiß man nicht, aber das trübt das Storytelling kaum. Hey, das neue Ding: Chia-Pudding liegt soft im Bauch von Yoginis, es ist das Dirty-Little-Secret eines Iron-Man und soll, wenn die Neueinführung des australischstämmigen Chia-Pod gut läuft, auch Schulkinder beglücken.

Warum nicht Leinsamen?

Leinsamen: Auswahl Anbieter/ Preis pro 100 Gramm
Schlingemann100 g0, 19 €
Seeberger 100 g0, 34 €
Davert100 g0, 38 €
Holo (Reformhaus)100 g0, 40 €
Erfurter Ölmühle 100 g0, 72 €

Auch Leinsamen können quellen, und wie! Nicht umsonst gehören sie in die Riege der Gleit-und Füllstoffe. Das sind pflanzliche, nicht zur Gewöhnung führende Verdauungshilfen wie zum Beispiel die Flohsamen. Wie wertvoll ihr Gehalt an Omega 3-Fettsäuren ist, ist spätestens durch die Arbeit der Fettforscherin Dr. Johanna Budwig wissenschaftlich belegt. Leinsaat ist die beste pflanzliche Quelle für Omega-3-Fettsäuren. Obwohl es da immer noch den Haken gibt, dass der Körper Omega 3-Fettsäuren am leichtesten verwerten kann, wenn sie mit Quark emulgiert (verrührt) werden. Budwig hat stets betont, dass Leinöl gemeinsam mit »einer schwefelhaltigen Aminosäure-Quelle» genossen werden sollte – an der Stelle wird’s für Veganer dann eng.

Tausend x bessere Öko-Bilanz

Omega Fettsäuren gelten deshalb als essentiell, weil der Körper sie nicht selbst herstellen kann. Von allen pflanzlichen Omega-3-Lieferanten steht Leinsaat noch vor Chia-Samen und den Samen des chinesischen Perillakrauts an der Spitze. Das Verhältnis Omega-6-zu Omega-3 Fettsäuren liegt genau so wie bei Chia in einem Verhältnis zwischen 1:6 und 1:3. Man merkt schon: das schwankt. Aus all dem lässt sich trotzdem ableiten, dass Leinsamen die bessere Öko-Geschichte erzählen. Schon seit Jahrtausenden nutzen wir Nordeuropäer die ganze Pflanze: Wir machen Kleidung und Papier daraus, verbessern mit Linum usitatissimun die Bodenqualität unserer Äcker, lindern mit einem Gel aus Leinsaat die Symptome von Magengeschwüren und Darmentzündungen, regen mit den reichlich enthaltenen Ballaststoffen unsere Darmtätigkeit an und versorgen uns mit wertvollen pflanzlichen Omega-Fettsäuren. Wozu brauchen wir Chia?

PS: Wieder um eine Illusion ärmer: heute kommt Leinsaat nicht, wie man vermuten sollte, aus Schleswig-Holstein oder den baltischen Staaten, sondern aus Indien (Alnatura) oder China, Ukraine oder Kasachstan (Grell – Biogroßhändler in Norddeutschland). Schade eigentlich! Statt der vielen und EU-subventionierten Mais-Flächen für Biogas könnte man doch hin und wieder auch Flachs ansäen – im großen Stil, wie früher. Immerhin stammt diesen Leinsamen und dieses Leinöl aus Deutschland. Und auch Bio Planète hat ein heimisches Leinöl im Angebot.

 

Und hier die Links:

Fragt mal Ernährungsberater Jens Clausen / Zu Tisch – Hamburg, was er von Chia-Samen hält

Davert aus Ascheberg arbeitet mit SEKEM zusammen – bei der Qualität (etwa von deren Hanfsamen) gab’s noch nie was zu beanstanden

Mexikanische Chia bei Wikipedia – dort auch die Infos zu Omega 3-Fettsäuren

Über die schwierige Debatte um das Verhältnis von Omega 3 zu Omega 6 Fettsäuren

Veröffentlicht am 26.05.2015

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