»Der Hunger« von Martín Caparrós

Falls du Plumpy’nut für das nächste hippe Superfood hältst, solltest du »Der Hunger« von Martín Caparrós lesen – #und #auch #sonst

Plumpy’nut? Nie gehört!

»2012 hat Nutriset fast 15000 Tonnen Plumpy’nut produziert, zehnmal so viel wie vor zehn Jahren. Die Familie Lescanne, der das Unternehmen gehört, erwirtschaftet Gewinne in Millionenhöhe: Sie sagt, der größte Teil würde wieder in Forschung und Entwicklung investiert. Als Reaktion auf die Kritik an den hohen Gewinnen und die Weigerung, die Patente freizugeben, hat Nutriset die Firmenpolitik gelockert: Lokale Hersteller können – sofern sie aus armen Ländern stammen – die Marke, das Know-how und den technischen Support nutzen; im Gegenzug verpflichten sie sich, die Maschinen, die Verpackungen und bestimmte Bestandteile – Mineralien, Vitamine – beim Mutterkonzern zu kaufen.«

Soweit eine Leseprobe aus Martín Caparrós 800-Seiten-Buch »Der Hunger«, 2015 im Suhrkamp Verlag erschienen. »Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?« steht unter dem Titel. Ja, wie zum Teufel? Und was sind »diese Dinge«? Nun, das sind die Hungernden in China, Indien oder Afrika, das ist das Überleben via Müllhalde, das ist die Fettleibigkeit der Armen in den USA und das sind wir, die abgestumpften Konsumenten der ersten Welt und nochmal wir, die Gierigen der ersten Welt, die Nutznießer des Hungers sind oder Geld damit verdienen.

Martín Caparrós Stimme wird in der spanischsprachigen Welt wohl vernommen

Martín Caparrós Stimme wird in der spanischsprachigen Welt wohl vernommen

Zurück zu Plumpy’nut

Im Jahr 2007 riefen die Weltgesundheitsorganisation WHO, Unicef und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen Plumpy’nut als die beste Lösung zur Behandlung von Unterernährung von Kindern aus. Der Name verbindet die beiden Begriffe plumpy = dick und nut = für du-weisst-schon. Bei dem Produkt handelt es sich um eine Paste aus Erdnüssen, die mit Milch, Zucker, Fetten, Vitaminen und Mineralien angereichert ist. Ihr Vorteil: man kann sie ohne weitere Zubereitung essen, sie wird im Aluminiumbeutel gereicht, ist unempfindlich gegen Hitze und mindestens zwei Jahre haltbar. Plumpy’nut gehört zu den sogenannten »ready to use therapeutical foods» (RUTF), die von den wie Don Quijote gegen den Hunger kämpfenden NGOs* – an vorderster Front Ärzte ohne Grenzen – erfolgreich eingesetzt werden. An der Lage der Hungernden verändert sich durch Plumpy’Nut zwar nichts. Aber aus akut Unterernährten werden dank Plumpy per definitionem akut moderat Unternährte – da freut sich die Statistik.

Lesen bildet

»Der Hunger« ist ein ausnehmend gut geschriebenes, über Jahre recherchiertes Sachbuch. Martín Caparrós, geboren 1957 in Buenos Aires, mixt Gespräche mit Betroffenen, die er abseits der Reiserouten internationaler Journalisten oder TV-Sender besucht hat, mit Fakten aus der Welt der Profiteure. Dazwischen schneidet er kammerspielartig anmutende Dialoge, die unter der Titelzeile »Wie zum Teufel, können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?« stehen. Dabei handelt es sich um niedergeschriebene Sprachfetzen von Menschen wie du und ich, die sich auf dem weiten Feld des Sachzwangs, der Ignoranz und der gespielten Unschuld bewegen. Was sind aber nun »diese Dinge«? Sie sind ein Genozid mittels Hunger, den die Weltöffentlichkeit wissend akzeptiert, sie sind die Windmühlenkämpfe der Entwicklungshelfer, sie sind die Freihandelsabkommen, sie sind Landgrabbing, Privatisierungen, die Ausbeutung der Böden und eine Finanzwelt, die es versteht, ihre Perfidie dank hochbezahlter PR-Agenturen (google mal Burson-Marsteller) als Teil der Lösung zu verkaufen.

Wie reden wir im Alltag über die Hungernden? Überfordert uns das Thema?

Wie reden wir im Alltag über die Hungernden? Überfordert uns das Thema?

Was ist verstörender?

Um das ganze Elend des Hungers wirklich verstehen zu wollen, sich also in stundenlanger Lektüre die Lage der Menschen vorzustellen, die nicht das Glück haben, in München, Madrid oder Moskau zu leben, da gibt es schon einen inneren Widerstand zu überwinden. Nenne es schlechtes Gewissen: du, als Leser, zählst mit hundertprozentiger Sicherheit nicht zu den Betroffenen. Aber solltest du ein Bewusstsein von Konsum, Ernährung, Anbau und Verteilung haben, wirst du mit Caparrós Buch durch exzellent zusammengetragenes, komplexes Wissen belohnt. Nicht umsonst wirbt der Klappentext mit dem Lob Jean Zieglers, Zitat: »Ein großartiges Buch! Sehr wichtig und außerdem kenntnisreich.« Es ist aber auch ein verstörendes Buch. Am Ende fragt man sich, was verstörender ist: die Gottergebenheit der Hungernden (nach dem Grund ihres Schicksals befragt, sagen die meisten Menschen: »Weil Gott es so will«) oder die Perversität der Profiteure (nachzulesen im Kapitel USA: Das große Geld, O-Ton »Ich muss weiterspekulieren, das ist mein Job«.) Martín Caparrós lesen, heißt ein bisschen Rückgrat gewinnen – jedenfalls bei jenen, denen schlecht wird, wenn von »Wirtschaftsflüchtlingen« die Rede ist und die – mit welchen Mitteln auch immer – versuchen, dass »die Dinge« nicht so bleiben wie sie sind.

*Non Governmental Organisationen, z.dt. Nichtregierungsorganisation

Und hier die Links:

»Der Hunger« von Martín Caparrós bei Suhrkamp

Du interessierst dich für Nutriset, ein Familienunternehmen, welches offenbar ganz gut von Hunger und Mangelernährung lebt?

The Food-Bubble: How Wallstreet starved Millions und got away with it – schrieb Frederick Kaufmann 2010 in Harpers Bazar – hier ein Interview mit ihm. Und hier kannst du den Artikel downloaden

Und zuguterletzt: Der Clip zum Buch

Veröffentlicht am 19.02.2016

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