Zu Besuch bei Farmers Cut

Stadtfarm mit Hafenblick – auf dem Hamburger Großmarkt nimmt Farmers Cut (indoor.vertical.farming) den Betrieb auf #Vorschau

Baby Leaf Mischung von Farmers Cut - leicht bitter, scharf und säuerlich und mega-frisch

Leicht bitter, scharf, säuerlich und mega-frisch: Asia-Salat-Mischung von Farmers Cut

Phase eins: Salat, Kresse, Kräuter

Zu sehen ist: nichts. Noch steht die riesige Halle auf dem Hamburger Großmarkt leer. Hier will das Start-Up  Farmers Cut  in Kürze Salat, Kresse und Kräuter anbauen. In Phase zwei sollen Cocktail-Tomaten, Erdbeeren, Baby-Paprika und andere Mikro-Greens folgen. Läuft alles gut, können hier später vielleicht seltene Kräuter oder vor dem Aussterben bedrohte Nutzpflanzen gedeihen. »Wir hatten sogar schon mal eine Anfrage für die Vanille-Zucht «, sagt Isabel von Molitor, Mit-Gründerin von Farmers Cut und zuständig für Vertrieb und Marketing. Doch natürlich stehen weder der Arche-Gedanke noch optimale Wachstumsbedingungen für Exoten an erster Stelle. In der vertikalen Stadtfarm sollen täglich 400 Kilo frisches Grünzeug geernet und an Gastronomen, Büros und Endverbraucher verkauft werden.

Beyond organic

Das Herzstück von Farmers Cut sind Anbau-Konstruktionen von beeindruckender Größe. Anders als die offenen Regalsysteme, die man aus Asien und den USA kennt, sind die Farmers Cut Anbauflächen kompakt. So entsteht für die Pflanzen ein optimales Klima und Schutz vor äußeren Einflüssen. Das betrifft auch den Kontakt zu Keimen, Viren oder Fressfeinden: Er ist so gut wie ausgeschlossen. Im Vergleich zum Anbau in hiesigen Breitengraden, will Farmers Cut bis zu sieben mal so oft ernten. Das System lässt sich vereinfacht wie folgt beschreiben: Am Eingang wird gesät, am Ausgang wird geerntet. Dabei herrschen in der jeweiligen Anbaufläche maßgeschneiderte Bedingungen. Das muss auch so sein, schließlich werden das Sonnenlicht durch LED-Beleuchtung und der Erdboden durch Wachstumsträger und Nährstoffwannen ersetzt. Der Anbau ist zu 100 % pestizidfrei. Deshalb erklärt von Molitor: »Wir entsprechen nicht der Bio-Klassifizierung. Aber darauf legen wir auch keinen Wert, weil wir andere Vorteile avisieren: lokal, pestizidfrei und ständige Verfügbarkeit. Wer will schon Bio aus Süditalien, wenn man es lokal beziehen kann?« Farmers Cut sei, so gesehen, beyond organic.

 

Überraschend geschmackvoll

Das Start-Up punktet aber nicht nur mit pestizidfreier Ware. Auch deren Frische dürfte einzigartig sein. Sebst die Salate werden nicht geschnitten, sondern mitsamt Wurzelwerk geerntet und verkauft. Von Molitor: »Auf diese Weise bleiben Vitamine, Mineralien und Geschmacksstoffe erhalten. Der Salat kann nach dem Kauf einfach weiter wachsen und  muss erst bei Bedarf geschnibbelt werden.« Die Geschmacksprobe erfolgt in einer der beiden Hallen. Dort steht einsam und verlassen eine Schale mit Asia-Salat-Mix. Abgestellt vor ein paar Wochen, nach einer Präsentation anläßlich der Verleihung des Gastro Vision Förderpreis 2017 an Farmers Cut. Inzwischen sind die Blättchen ein paar Zentimeter weitergewachsen. Sie schmecken leicht bitter, etwas scharf, eine Spur säuerlich – also, ganz ehrlich, viel besser als erwartet!

Unternehmerischer Weitblick

Müssen sich regionale Gemüsebauern vor der Indoor-Konkurrenz mitten im Herzen Hamburgs fürchten? »Nein«, beschwichtigt von Molitor, »wir bedienen einen Nischenmarkt. Und das wird auch längere Zeit so bleiben.« Andererseits ist der Unternehmergeist  auch des zweiten Start-Up-Gründers nicht zu unterschätzen. Mark Korzilius rief 2002 die italienische Systemgastronomie-Kette Vapiano ins Leben, hat sich aber mittlerweile von allen Anteilen getrennt. Der Hesse und jetzige Wahlhamburger gilt als begnadeter Konzeptioner. Bei Farmers Cut geht er mit gewohnt erfolgversprechender Sorgfalt vor. So entwickelte er die Wachstumszellen gemeinsam mit niederländischen Ingenieuren und Gewächshausexperten und meldete sie 2016 zum Patent an. Das Konzept wurde und wird zudem wissenschaftlich begleitet. Unter anderem  von Prof. Dr. Andreas Ulbrich (Uni Osnabrück), Dr. Sander Hogewoning als Experte im Bereich Lichteinfluss auf Pflanzen (PlantLighting), sowie dem Pflanzenbiologen und Spezialisten für neue Anbaumethoden Prof. Jasper Den Besten (HAS University).

Regionaler geht’s nicht

Dass es jetzt auch in Hamburg Urban Farming geben wird, ist einem weltweiten Trend geschuldet. Angesichts drohender Versorgungsengpässe in den schnell wachsenden Mega-Metropolen dieser Welt, tüfteln Stadtplaner schon länger an ähnlichen Ideen. Das Ziel ist erstens, die Stadtbevölkerung auf möglichst kurzen Wegen mit frischen Lebensmitteln beliefern zu können. Und  zweitens, Phänomenen wie Bodenerosion, Humusabbau, Gewässerverschmutzung und Umweltbelastung durch Pestizide und Herbizide zu begegnen. Ob Stadtfarmen wirklich der Königsweg sind, muss die Zukunft zeigen. Halten die Wachstumszellen von Farmers Cut, was sie versprechen, wären sie für den Export nach Dubai oder Tokio geeignet. In Asien ist Indoor-Farming bereits gang und gäbe, mal in Verbindung mit Fischfarming #aquaponic, mal ohne. Und natürlich auch im hippen New York. Fast hätte sich Farmers Cut dort angesiedelt, wären die Mieten nicht doppelt so teuer als in Hamburg gewesen und der heimatliche Markt nicht, so von Molitor, administrativ barrierefreier.

Was sagen die Kritiker?

Naturgemäß können sich nicht alle mit dem Gedanken einer Stadtfarm anfreunden. Kritiker bemängeln vor allem die hohen Energiekosten. Doch dank des zunehmenden Preisverfalls von LED-Lampen sowie dem Erstarken innovativer Energiekonzepte sind diese beherrschbar. So wird Farmers Cut beispielsweise von einem Blockheizkraftwerk versorgt, dessen Abwärme von benachbarten Büros zweitgenutzt wird. Ein anderer Kritikpunkt betrifft gesundheitliche Aspekte. Fehlt den Pflanzen am Ende vielleicht – und damit auch dem Menschen – die Sonne? Dazu von Molitor: »Ein sonnenloser Anbau hat keine anderen Auswirkungen auf den menschlichen Organismus. Fakt ist, dass LED Lichter genau das gleiche Lichtspektrum abbilden, welches für die Photosynthese der Pflanzen benötigt wird. Die Pflanze unterscheidet nicht zwischen LED und Sonnenlicht.« Auch an Treibhausgemüse haben wir uns – mal abgesehen vom oft fehlenden Geschmack – längst gewöhnt.

Mein Fazit: Schon allein wegen der im Abschnitt  »Regionaler geht’s nicht« geschilderten Umweltaspekte sind Konzepte wie Farmers Cut höchst begrüßenswert. Bin schon gespannt, wie’s weiter geht. Stay tuned!

Einen ersten Eindruck gewinnst du hier:

 

Und hier die Links:

Was sich sonst in der Gegend so tut, kannst du im Artikel »Oberhafen – Ort der Sehnsucht« nachlesen

Mich interessiert bei dem Thema stark der Erhalt des Genpools und die Bewahrung der Sortenvielfalt – und, wow, bei der Recherche bin ich über die Genbank der Uni-Osnabrück gestolpert

Apropos Uni Osnabrück: Hier wirken ziemliche fähige Fans von regionalen Lebensmittel #Tomate aus Niedersachsen #wohlschmeckend

Ebenfalls Uni Osnabrück: Wie kriegen wir die Stadt satt? Fragen sich die Forscher in der Projektreihe Zukunft Lebensraum Stadt – urbane Agrikultur

Du interessierst dich eher für die HAS University? Oder PlantLighting?

Wusstest du schon, dass die Obergrenzen für die Pestizidbelastung von (Feld)Salat immer weiter nach oben versetzt werden? Hierzu Stiftung Ökotest vom Januar 2017

Veröffentlicht am 13.04.2017

Ein Gedanke zu „Zu Besuch bei Farmers Cut

  1. Pingback: Geschäftsidee 043: Microgreens aus der Stadtfarm |

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.