Foodsharing – der Flashmob

Foodsharing Hamburg flashte mit Lebensmittelpyramide und zweiflammiger Fahrradküche

Foodsharing Flashmob 9.Mai 2015, Hamburger Rathausmarkt

Foodsharing Flashmob 9.Mai 2015, Hamburger Rathausmarkt

Flashmob mit Pyramide aus geretteten Lebensmitteln

Flashmob mit Pyramide aus geretteten Lebensmitteln

Diese Hamburger Betriebe lassen Lebensmittel retten

Diese Hamburger Betriebe lassen Lebensmittel retten

Teilen statt wegwerfen

»Brauchen Zucker, Salz, Getreide oder andere dauerhaltbare Produkte wirklich ein Mindesthaltbarkeitsdatum?» Der Satz könnte von einem Foodsaver kommen. Tut er aber nicht. Sondern von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU)*. Auf Anregung der Niederlande und Schweden hat sich die Europäische Union letztes Jahr das Ziel gesetzt, bis 2025 die Lebensmittelverschwendung um 30 Prozent zu senken. Schmidt will das mit Verbraucheraufklärung erreichen. Die Ehrenamtlichen von Foodsharing.de bevorzugen Taten. In perfekter Manier organisieren sie sich selbst, Lernende Organisation nichts dagegen. »Es ist genug für alle da«, beschreibt Anke das überwiegende Bewusstsein der Aktiven. Als Botschafterin ist sie für den Nordosten Hamburgs zuständig. Laut foodsharing.de gibt es in der Stadt 585 Foodsaver, 31 Botschafter, 297 Lebensmittelhändler und Gastronomen wurden angefragt, 106 kooperieren. Ergebnis: In knapp zwei Jahren landeten mehr als 80.000 Kilogramm Lebensmittel wohlbehalten in hanseatischen Mägen statt in der Mülltonne. »Ein Lebensmittel ist erst dann gerettet, wenn es gegessen ist«, sagt Fatma, neben Bodhi und Natiya Botschafterin für Hamburg.

Fatma, charmante Foodsharing Botschafterin für Hamburg

Fatma, charmante Foodsharing Botschafterin für Hamburg

Lisa-Marie, begnadete Köchin am rollenden Herd

Lisa-Marie, begnadete Köchin am Herd auf Rädern

Foodsaver beim Entrollen des Banners

Foodsaver beim Entrollen des Banners

Pyramide bei Regen und Sonne

Als es um 13:00 Uhr ans Teilen und Verteilen geht, scheint endlich die Sonne auf den Hamburger Rathausmarkt. Seit zwei Stunden steht dort eine Pyramide aus grünen Kisten, vollbeladen mit geretteten Lebensmitteln. Dunkelviolette Baby-Artischocken, kiloweise Gebäck, Sauce Hollandaise, Äpfel, Tomaten, Mascarpone, Kartoffelchips,  Weihnachtskekse, Kartoffeln, Gemüse – you name it. Unter einem Schirm parkt die Fahrradküche – hier brutzelt Lisa-Marie Vegetarisches, zweiflammig auf Gas. Die fahrbare Küche wurde vom befreundeten Gartendeck zur Verfügung gestellt, die Konstruktion stammt von fabulous St.Pauli. Gleich neben ihr wird geschnibbelt was das Zeug hält. Die Musik fehlt, aber es ist ja auch ein Flashmob und keine Schnibbeldisko. »Ständig Bio-Wildlachs, das kann eine Herausforderung für eine vierköpfige Familie sein«, lacht einer der Saver. »Seit 18 Monaten essen wir zu 99,9 % gerettete Lebensmittel». Wie bitte? Tatsächlich liegt ein Hauch Unglauben auf fast allen Gesichtern, die die Pyramide betrachten. Alles gratis? Darf man mitnehmen? Auch den Spargel? Ja! Darf man.»Bevor es weggeschmissen wird« – das Argument sticht.

Selbstorganisation und Eigenverantwortung

89 Millionen Tonnen, so viel wie 89 Millionen Elefanten wiegen, werden in der EU pro Jahr weggeworfen. Bei den Deutschen sind es 82 Kilo pro Kopf. Der Flashmob auf dem Hamburger Rathausmarkt lässt ahnen, welcher Wahnsinn das wirklich ist.  Mit Händen wird greifbar, was 82 Kilo bedeuten, wenn man sie in fluffige Croissants, empfindliche Erdbeeren oder bizarre Produkte übersetzt, die keiner kennt und keiner kauft. Öfter mal was Neues, nur im Ausnahmefall ein ausverkauftes Produkt: die Logik des Lebensmittelhandels erzwingt ein ständiges Überangebot. Man will auch auf verstärkte oder veränderte Nachfrage immer gut vorbereitet sein, auch wenn diese nur schwer vorhersehbar ist. Allzeit bereit, selbst für das kleinste Plus an Umsatz. Was aber unterscheidet Foodsharing.de von den Tafeln? Beide Organisationen kooperieren (zum Unterschied geht’s hier). Ein Unterschied: Alle, die bei Foodsharing.de mitmachen und Lebensmittel an Dritte weitergeben, haben sich schriftlich verpflichtet, dafür die volle juristische Haftung zu übernehmen. Eigenverantwortung und Verbindlichkeit gelten auch für Kommunikation und die Einhaltung von Terminen. Wer mitmachen will, muss vorher ein kleines Quiz bestehen. All das sind Lernwerte, die in den vergangenen zwei Jahren gesammelt wurden. Und gerade dieser Aspekt der Selbstorganisation macht Foodsharing.de neu und spannend: Hier könnte gerade etwas entstehen, dass das Zeug zum echten Game-Changer hat.

PS: Übrigens gerettete Radieschen: Obwohl ihre Blätter erbärmlich welk waren, waren sie vom Typ »schmeckt wie früher«, scharf und drall. Der Trick: Blätter abschneiden und mindesten 30 Minuten in reichlich Natron-Wasser schwimmen lassen.

* Am 7.Mai 2015 gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung

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Und hier die Links:

Das Ganze im Überblick: foodsharing Homepage

Zum Glück eine Lösung gefunden: Foodsharing-Clip

Langsam mahlende Mühlen auf politischer Bühne – dargestellt von Welt.de

Mit dieser Aufklärungskampagne will man die EU-Ziele erreichen

Informationen vom Bundesverband der Tafeln

Veröffentlicht am 10.05.2015

Ein Gedanke zu „Foodsharing – der Flashmob

  1. Susanne

    Liebe Kirstin, vielen Dank für den tollen Beitrag und die schönen Bilder!
    Werde es fleißig teilen :)
    Bis bald mal wieder,
    Lieben Gruß

    Susanne

    Antworten

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