Feminin trinken

Gibt es einen typisch weiblichen Biergeschmack? Ich frage Esther Isaak, die in Hamburg das hervorragend sortierte Fachgeschäft »Bierland« führt

»Keiner weiß, was Frauen mögen.« Esther Isaak, Geschäftsführerin Bierland, Hamburg
»Und das ist auch gut so.« Klaus Wowereit, Bürgermeister a.D., Berlin

Die Mutter aller Konflikte, das wird wohl keiner bestreiten, ist der Geschlechterkampf. Wer wen wo und wann unterdrückt und wie mäßig wir das geregelt kriegen, davon legen ganze Zivilisationen trauriges Zeugnis ab. Andererseits: Über kaum ein anderes Thema lässt sich so herrlich streiten wie über das Mann-Frau-Ding. Zum Beispiel beim Bier. Während die Industrie davon überzeugt ist, dass Frauen es nicht mögen und sich bestenfalls gepanscht mit Fruchtsäften einverleiben können, spricht das gelebte Leben eine andere Sprache. Belauschen wir deshalb ein Gespräch zwischen Esther Isaak, Bierhändlerin und Bierbloggerin und einer, falls es ihre Zeit erlaubt, fest zum Selber-Brauen-Entschlossenen.

Esther Isaak de Schmidt Bohländer - Geschäftsführerin Bierland Hamburg

Esther Isaak de Schmidt Bohländer – Geschäftsführerin Bierland Hamburg

»Esther, was ist Gaggelstrauch?«

Geboren und aufgewachsen ist Esther in Paraguay. Vor rund 25 Jahren heiratete sie Thomas und das nach paraguayischem Eherecht, weshalb ihr vollständiger Name Esther Isaak de Schmidt-Bohländer lautet, frage nicht, warum.  Weit über die Grenzen Hamburgs hinaus gilt Esther als Doyenne der handwerklichen Braukunst, da sie weltweite Handelsbeziehungen zu Brauern unterhält und den kenntnisreichen Blog »Bierguerilla« betreibt. Die wahre Motivation jedoch, speziell Esther zu weiblichem Biergenuss zu befragen, liegt in der Vermutung, von ihr nicht gleich in schweißtreibende Diskussionen über Plato, IBU und andere Meßlatten männlichen Biergehabes verwickelt zu werden. Und genau so kommt es auch. »Esther, was ist Gaggelstrauch?« will ich zunächst mal wissen. Es heißt, sie habe in Dänemark ein Schlüsselerlebnis gehabt, bei dem der Strauch eine Rolle spielte und damit ihr Bierhändlertum entscheidend beförderte. Esther: »Gaggel- oder Gagelstrauch ist, soweit ich weiß, ein Heidekraut.« Gut, das muss erstmal reichen. Übrigens: Schon Hildegard von Bingen verwendete dieses Kraut. Schnell verstricken wir uns in ein Gespräch über die Schutzheilige des Brauens, welche laut Esther wermutabhängig gewesen sein soll. Wie bitte? Aber das wollen wir an dieser Stelle nicht vertiefen.

»Welche Biere kaufen Frauen?«

Zurück zum femininen Trinkgenuss. Esther zeigt Biere, die bei Frauen besonderen Anklang finden und bevorzugt gekauft werden. Da wäre zum Beispiel das »Organic Raspberry«, ein handcrafted Fruit-Beer, welches sich mit dem »Organic Chocolate Stout«, beide vom britischen Brauer Samuel Smith, hervorragend zum Biercocktail vereinen lässt. Esther: »Und zwar im Verhältnis 1/3 Himbeer und 2/3 Schokolade.« Tja, siehste, denkt man, Frauen und Früchte. Aber weit gefehlt! Als nächstes stehen wir vor dem »Plötzlichen Tod«. So heißt aus dem Belgischen übersetzt das »Mort Subite«, ein Gueuze Lambic aus Belgien. »Bei den Damen sehr beliebt. Die Flasche mit dem champagnerartigen Korken. Muss man sich vorstellen wie ein Cuvee«, sagt Esther »ein Verschnitt aus Sauersud, von Wildhefen à la Sauerteig produziert.« Es folgen mehrere Liebeserklärungen an Saccharomyces cerevisiae. Bierhefe oder Backhefe, Brauen und Brot, das ist ja seit altersher Frauensache und sollte optimalerweise Hand in Hand gehen. Und ist nicht die Hefe, genau wie die Frau, ein einziges Geheimnis, beziehungsweise, wie Esther treffend sagt »Eine Inkognita«? Ganz genau. Aber wir mäandern trotzdem zurück an die Regale.

»Thomas, was sagst du dazu?«

Esther deutet auf das Kraftbier »Bitter 58« von Rittmayer. Auch ein Bier, das Frauen mögen. »Denn es ist ja ganz und gar nicht so«, sagt Esther, »dass Frauen Bitterkeit verabscheuen.« Im Gegenteil, denke ich im Stillen. Immer her damit, schon um die Leber zu kicken. Weiter geht’s. Mir sagt ja stets ein stinknormales Pils zu, deshalb greife ich lüstern nach »Pilsnar« von Föroya Björ und betrachte begehrlich das Extra IPA »Torpedo« von Sierra Nevada. Das ist geschlechtsübergreifend, weil sich auf dieses Bier alle einigen und dabei eine Kennermiene aufsetzen können. Als Esthers Mann Thomas vorbeieilt, muss auch er sich der Frage stellen: »Frauenbier, sachma schnell?» Noch bevor Thomas den Satz »Grapefruit von Schöfferho…« beenden kann, entfährt zwei weiblichen Kehlen ein entsetzter Schrei. Das darf ja wohl nicht wahr sein! Industriebier, nein danke! Im Anschluss präsentiert mir Esther dann noch eine Reihe von Bieren, die untypischerweise von Frauen gekauft werden, sagen wir, sechs bis zehn. Mein Fazit: trotz hartnäckigen Nachhakens lässt sich die eingangs gestellte Frage nicht beantworten. Es gibt keinen typisch weiblichen Biergeschmack. Ein weiteres Rätsel der Menschheit steht im Raum und bleibt ungelöst.

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Übrigens:

Auf die Idee, Esther Isaak de Schmidt-Bohländer nach ihren Erfahrungen mit weiblichen Biertrinkerinnen zu interviewen, bin ich wegen des folgenden Beitrags in Oliver Wesselohs Buch »Bier leben« gekommen. Zitat:

Olli: Du hast mit den »Barleys Angels Deutschland – Die Gerstenengel e.V.« einen Frauenbierclub gegründet und bietest Verkostungen nur für Frauen an – warum können Frauen und Männer nicht gemeinsam Bier genießen?

Esther: Susanne Hecht und ich hatten parallel zueinander die Erfahrung gemacht, dass Bierverkostungen, die sich entweder nur aus Männern oder nur aus Frauen zusammensetzen, ganz unterschiedlich im Verlauf sind. Frauen kommen in einer von Männern dominierten Welt eher zum Zuge, wenn sie nur unter sich sind. Oftmals würde man gerne auf weibliche Resonanz aus der Gruppe eingehen, hat jedoch wenig Chancen, weil ein selbsternannter männlicher Bescheidwisser alle niederredet. Frauen kommunizieren anders als Männer, und um ihnen den Freiraum zu geben, uns mitzuteilen, was sie mögen, haben wir den Verein gegründet.

Und so geht man beim Bierverkosten vor: von hell zu dunkel, von schwarz zu stark.

Und hier die Links:

Seit 205 führt Esther Isaak de Schmidt-Bohländer den Laden »Bierland», der schon seit 1986 auf diesen Namen hört. Im Jahr 2007 begann sie mit der Umstrukturierung auf Bierspezialitäten

Auf ihrem Blog »Bierguerilla« trumpft Esther mit Wissen und schönem Schreiben auf – zum Beispiel mit diesem lehrreichen Post

Brauerei-Wegweiser: Samuel Smiths, Mort Subite (haben auch ein Bistro), Bitter 58 von Rittmayer und last but not least Sierra Nevada

Die Gerstenengel sind bei Facebook und hier geht’s zum amerikanischen Mutterverein

Falls du mehr über die erwähnte Susanne Hecht wissen möchtest, auch eine überaus kundige Bier-Frau, muss du hier klicken

Und wenn du dir doch noch einen Exkurs über Absinth-Abhängigkeit geben möchtest, bitteschön, dann hier entlang

Veröffentlicht am 22.04.2016

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