Was ist dein Szenario?

Nestlé hat uns unter die Lupe genommen und die Zukunftsstudie »Wie is[s]t Deutschland 2030« veröffentlicht

Die sieben Nestlé Ernährungstypen - zu welcher Gruppe zählst du dich?

Die sieben Nestlé Ernährungstypen – zu welcher Gruppe zählst du dich?

Woher wir kommen

Ist es bemerkenswert, dass in der Nestlé Zukukunftsstudie »Wie is[s]t Deutschland 2030« die Landwirtschaft nur in einem winzigen Abschnitt erwähnt wird? Wahrscheinlich nicht. Es zeigt nur, wie weit sich die Erzeugung und der Konsum von Lebensmitteln bereits entkoppelt hat. Dabei waren wir Deutschen, was Viehzucht und Ackerbau betrifft, noch vor hundert Jahren in etwa auf dem Stand von Tansania. Im Jahr 2006 waren dort 75 % der Erwerbstätigen in der deutschen Landwirtschaft tätig, in Deutschland waren es zu Anfang des 20. Jahrhunderts 80 %. Heute gibt es in der Landwirtschaft noch etwa eine halbe Million Vollzeitarbeitsstellen, das sind rund 1,5 % aller Erwerbstätigen.

Wohin wir gehen

Lebensmittel spielen keine Hauptrolle mehr. »Inzwischen gelten Landwirte als ‚unverzichtbare Treiber der Energiewende’«, heißt es bei Wikipedia im Eintrag »Landwirtschaft«. »Landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland investierten von 2009 bis 2012 rund 18,2 Milliarden Euro in Erneuerbare-Energien-Anlagen, wie aus Daten des Deutschen Bauernverbandes hervorgeht.« Sie bauen Energiepflanzen für die Nutzung von Biogas an und verpachten Flächen für Photovoltaik und Windenergie. Vor diesem Hintergrund ist interessant, welche Perspektiven sich ein Weltkonzern wie Nestlé für unser Land und die künftige Ernährung seiner Bevölkerung vorstellen kann. Die Zukunftsstudie »Wie is[s]t Deutschland 2030« ist im August 2015 bei der Mediengruppe dfv Fachbuch erschienen und kostet 29,80 €.

Nestlé Zukunftsforum (Hrsg.): Wie is(s)t Deutschland 2030?, August 2015, 208 Seiten, 29,80 €,Verlag dfv Fachbuch

Nestlé Zukunftsforum (Hrsg.): Wie is(s)t Deutschland 2030?, August 2015, 208 Seiten, 29,80 €,Verlag dfv Fachbuch

Die sieben Nestlé Ernährungstypen

Die Nestlé Zukukunftsstudie wurde vom Zukunftsforum des Konzerns durchgeführt, deren Vorsitzende die Bundesfamilienministerin a.D. Renate Schmidt ist. Die Marktforscher befragten per Fragebogen 1029 Konsumenten. Zudem stützen sie ihre Ergebnisse auf zweitägige Workshops, bei denen acht Konsumenten Szenarien zur Ernährung der Zukunft entwickelten. Zusätzlich gab es zwei Workshops mit 16 Experten aus Handel, Marketing, Zukunftsforschung oder Stadtplanung. Es handelt sich also um ein »mehrstufiges Studiendesign«. Die Einordnung der Angaben erfolgte auf Basis der sieben Nestlé Ernährungstypen. Beschreibung in Stichworten:

  • Die Gesundheitsidealisten: kaufen frische Bioprodukte beim Erzeuger, kochen mehrmals täglich (heute: 12 %, 2030: 16 %)
  • Die Nestwärmer: Leidenschaftliche Köche, Genussmenschen, Lebensmittelpunkt ist die Familie (heute: 16 %, 2030: 16 %)
  • Die problembewussten Älteren: Ältere Ehepaare oder Singles. Wollen Frische und Qualität, achten stark auf günstigen Preis (heute: 12 %, 2030: 17 %)
  • Die Leidenschaftslosen: Meist Männer. Gute, ausgewogene Ernährung ist ihnen fremd. Bevorzugen einfache Gerichte, Tiefkühlkost, Konserven.(heute: 16 %, 2030: 8 %)
  • Die Masslosen: Suchen schnellen Spaß und oberflächlichen Genuss. Tiefkühlkost- und Mikrowellen-Nutzer (heute: 11 %, 2030: 11 %)
  • Die Gehetzten: Immer unter Zeitdruck, Essen ist Nebensache – Snacks und Fastfood sind an der Tagesordnung (heute: 13 %, 2030: 14 %)
  • Die Modernen Multi-Optionalen: Wollen zwischen Ich-Zeit und Wir-Zeit eine gute Mischung schaffen, essen unregelmäßig und oft sehr spät (heute: 20 %, 2030: 18 %)

 

Laut Nestlé wird es 2030 weniger Gehetzte, Leidenschaftslose und Modern-Multi-Optionale geben

Laut Nestlé wird es 2030 weniger Gehetzte, Leidenschaftslose und Modern-Multi-Optionale geben

Die fünf Szenarien der Nestlé Zukukunftsstudie

Natürlich, das räumen die Marktforscher selbst ein, ist Kaffeesatzlesen immer eine heikle Sache. Andererseits haben weltumspannende Konzerne wie Nestlé eine beträchtliche Gestaltungsmacht. Sie lenken und verführen uns, oft ohne, dass es uns bewusst ist. Es kann also durchaus sein, dass die Nestlé Zukunftsstudie gar nicht so verkehrt liegt. Und zwar mit diesen fünf denkbaren Szenarien:

  • Ressourcenschonende Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft
  • Halten 59% der Befragten für ein realistisches Szenario. Zitat aus der Begriffs-Cloud: »Frisches Obst und Gemüse wird immer weniger gekauft, weil es für die meisten Menschen zu teuer ist. Viele Menschen verzichten auch gänzlich auf Milchprodukte, Eier und Fleisch, weil diese häufig mit einem größeren ökologischen Fußabdruck verbunden sind. Künstliche Alternativen sind günstiger und ressourcenschonender.« Gemeint ist zum Beispiel Fleisch, das in-vitro aus Stammzellen gezüchtet wird.  

  • Gemeinschaftliches Essen als Erlebnis in einer entstrukturierten Gesellschaft
  • Stößt bei 53 % der Befragten auf Gegenliebe. Von allen Szenarien der höchste Beliebtheitswert. 55 % halten das Szenario für realistisch. Sätze aus der Wortwolke: »2030 gibt es kein »online« oder »offline« mehr. Jeder Einzelne ist Teil des Internet of Things. [..] Der Handel hat sich auf eine neue Zielgruppe eingestellt: Gemeinschaften. [..] Viele Menschen sind Mitglieder von Einkaufsgemeinschaften, die online in größeren Mengen zu günstigeren Konditionen einkaufen.«
     

  • Reflektierter Genuss in einer auf Eigenverantwortung setzenden Gesellschaft
  • Die Grenzen zwischen Arzneien und Nahrungsmitteln haben sich aufgelöst. Das halten 57 % der Interviewpartner für realistisch. 62 % macht das Szenario Angst. Cloudige Assoziationen: »In einer immer älter werdenden, vollkommen digital vernetzten Leistungsgesellschaft rückt ein gesunder, jugendlicher und fitter Körper ins Zentrum der Aufmerksamkeit. [..] Functional Food unterstützt gezielt bestimmte Körperfunktionen. Fertiggerichte haben an Qualität enorm gewonnen und gelten als gesunde, schnelle Möglichkeit, um im Alltag genussvoll satt zu werden.«
     

    Leitmotiv des Szenarios: Reflektierter Genuss in einer auf Eigenverantwortung setzenden Gesellschaft

    Leitmotiv des Szenarios: Reflektierter Genuss in einer auf Eigenverantwortung setzenden Gesellschaft

  • Ernährung zur Selbstoptimierung in einer leistungsorientierten Gesellschaft
  • Wer sozial nicht abrutschen will, muss ständig zur Hochleistung bereit sein. Immerhin 45 % halten dieses leistungsbetonte Szenario für realistisch. Es macht aber 79 % der Befragten begreiflicherweise Angst. Umwölkt wird das Ganze mit Sätzen wie: »2030 muss mehr geleistet werden. Die Polarisierung der Gesellschaft treibt die Statusangst. [..] Sensoren, die in die Kleidung, Produkte und Umgebung integriert sind, beobachten das Ess- und Trinkverhalten und geben Hinweise zur Optimierung. Essen bedeutet weniger Genuss, sondern effektiven Input, der über den richtigen Output des Körpers entscheidet.«
     

  • Einfaches Sattwerden in einem virtuellen Umfeld
  • Erleichtert gibt das überforderte oder gleichgültige Individuum Verantwortung ab, wo es möglich ist. Zeit, Energie und Gelegenheiten reichen im Normalfall für eine selbst gekochte oder in Ruhe genossene Mahlzeit nicht aus. Diese Perspektive finden 62 % unrealistisch und nur 13 % sagen, dass sie ihnen gefällt. Folgende Cloud-Sätze fallen: »Essen wird zum weiteren Task, den es möglichst effizient zu erledigen gilt: Günstig, einfach und schnell sind die zentralen Anforderungen an die Ernährung der Zukunft [..] Wer 2030 essen will, muss dafür weder kochen können noch einkaufen gehen. In vielen Wohnungen ist die »Kochgelegenheit« auf einen 3-D-Drucker reduziert.«
     

    In-Vitro-Fleisch und Snacks aus dem 3 D Drucker - darauf stellen sich gewiss nicht nur Lebensmittelkonzerne wie Nestlé ein

    In-Vitro-Fleisch und Snacks aus dem 3 D Drucker – darauf stellen sich gewiss nicht nur Lebensmittelkonzerne wie Nestlé ein

    Mein Fazit

    Die Nestlé Zukunftsstudie »Wie is[s]t Deutschland 2030« ist eine interessante Lektüre für alle, die sich mit den Haupt- und Nebenwidersprüchen der gegenwärtigen Ernährungssituation beschäftigen. Sie erlaubt Rückschlusse darauf, mit welcher Argumentation künftig für Functional Food und aus Stammzellen gezüchtetem Kunstfleisch geworben werden wird. An manchen Stellen besticht sie durch Ehrlichkeit: »Don’t lie to the customer«, sagt der ehemalige CEO für McDonalds Zentraleuropa und Zentralasien, Andreas Hacker. Der Experte stellt der Branche ein beschämendes Zeugnis aus: »Massentierhaltung, irreführendes Labeling, verklausulierte Beschreibung der Inhaltsstoffe, sinkende Mengen bei gleichbleibender Verpackungsgröße, Einsatz von Pestiziden, genmanipulierte Rohstoffe, aberwitzige Transportwege durch ganz Europa, um in Niedriglohnländern produzieren zu lassen, und so weiter.« Mutig von Nestlé, ein solches Expertenstatement zu veröffentlichen. Auch die Interviews der anderen Experten sind für uns Verbraucherinnen und Verbraucher aufschlussreich. Alles in allem: lesenswert!

    Und hier die Links:

    Direktzugang zur Nestlé Zukunftsstudie »Wie is[s]t Deutschland 2030«

    Womöglich findest du es interessanter, die aktuellen Nestlé Geschäftsbericht zu lesen. Globally hier und locally hier

    Eine gute Zahlenquelle für Landwirtschaft ist das Agrilexikon

    Hier geht’s zum Wikipedia-Eintrag Landwirtschaft

    Veröffentlicht am 17.10.2016

3 Gedanken zu „Was ist dein Szenario?

  1. Pingback: Wie is(s)t Deutschland im Jahr 2030? Nestlé weiß es. – Naturgebloggt

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