Jodmangel, im Ernst?

Wie viel Jod brauchen wir täglich? Sind die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung etwa falsch?

Bio Jod Kapseln von Alsi-Royal. Algen sind eine natürliche pflanzliche Quelle für Jod

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Jod – wieviel davon?

Ernährungslehre ist wie Marximus – man verzweifelt ständig an den Haupt- und Nebenwidersprüchen. Zum Beispiel die täglich benötigte Menge Jod. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) differenziert je nach Alter: Säuglinge bis unter vier Monaten brauchen unter 40 Mikrogramm, Kinder von sieben bis unter zehn Jahren 140 Mikrogramm, Stillende 260 Mikrogramm, Rentner 180 Mikrogramm. Das betrifft allerdings nur Deutsche und Österreicher. Für die Schweiz und den Rest der Welt gelten offenbar andere Mengen. Hier empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO mal höhere, mal niedrigere Tagesdosen als die DGE. Ganz anders sehen es wiederum die Autoren Kyra Hoffmann und Sascha Kauffmann. Sie haben das Buch »Jod – Schlüssel zur Gesundheit« geschrieben und behaupten, die Empfehlungen beider Organisationen seien falsch.

Hier wird nicht gependelt

Kyra Hoffmann ist Heilpraktikerin. Sie praktiziert im hessischen Hofheim. »Meine Analysen basieren auf moderner Labordiagnostik. Pendeln, Kinesiologie, Tensor, Handauflegen sind keine Methoden meiner Praxis«, schreibt sie auf ihrer Website. Das klingt beruhigend. Falls man daran glaubt, dass Labordiagnostik der Königsweg sei. Auch Sascha Kauffmann ist Heilpraktiker. Er hat sich mit seiner Naturheilpraxis in Düsseldorf unter anderem auf Burnout spezialisiert. Das Buch der beiden Alternativmediziner ist 2016 im systemed-Verlag erschienen. Der Verlag hat sich mit Themen einen Namen gemacht, die regelmäßig im Widerspruch zu den Lehren der DGE liegen. Dabei stehen streitbare Verlagsautoren wie Dr. Nicolai Worm oder die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder an vorderster Front. Beide setzen sich für die Rehabilitation verteufelter Fette ein und überraschen mit fachlich fundierten Büchern zur LOGI-Methode oder zur neuen Volkskrankheit, der nicht alkoholbedingten Fettleber.

Empfohlene Tagesdosis von 1.100 Mikrogramm

In ihrem Vorwort zum Buch schreibt Gonder: »Kaum jemand weiß, dass der gesamte Körper Jod braucht: Auch unser Gehirn, die Brust, die Eierstöcke und viele andere Organe sind auf eine regelmäßige und ausreichende Jodzufuhr angewiesen.« Mehr Energie, weniger Haarausfall und Gewichtsreduktion sind einige Vorteile, die man sich durch eine »richtige« Versorgung mit dem erst 1896 entdeckten Element Jod versprechen darf. Also raten die Verfasser zu einer sehr viel höheren Jodaufnahme, selbst bei Hashimoto-Thyreoditis (bei der im allgemeinen geraten wird, auf ein Zuviel an Jod zu verzichten). Ihre Empfehlung stützen Hoffmann und Kauffmann vor allem auf die Angaben des amerikanischen Institute of Medicine. Es hat für Erwachsene über 19 Jahren eine tägliche Mindestdosis von 1.100 Mikrogramm festgesetzt, fünfmal so viel wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vorschlägt.

Die Dosis macht das Gift

Die gesundheitliche Bedeutung des Spurenelements Jod ist jedoch umstritten. 2013 warnte die Bioladen-Zeitschrift »Schrot und Korn« vor einer zwangsweise verordneten Jodanreicherung von Lebensmitteln oder Tierfutter. Die Journalistin Dagmar Braunschweig-Pauli hat eigens die Webseite »Jodkritik.de« ins Leben gerufen. Dort sammelt sie Info-Material, welches im krassen Gegensatz zu den Thesen der Jod-Befürworter steht. Hoffmanns und Kauffmanns Angaben, denen zufolge überschüssiges Jod über die Nieren ausgeschieden werde und eine Jod-Überdosierung erst im Grammbereich erfolge, dann allerdings lebensbedrohliche Formen annehme, erscheint angesichts der Jodkritik von Braunschweig-Pauli und anderen geradezu leichtfertig.

Erschienen 2015 bei systemed »Jod - Schlüssel zur Gesundheit« von Kyra Hoffmann und Sascha Kauffmann

Erschienen 2015 bei systemed »Jod – Schlüssel zur Gesundheit« von Kyra Hoffmann und Sascha Kauffmann

Mit Unsicherheiten leben lernen

Also lieber die Finger vom Jod lassen, Motto: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste? Das muss jede und jeder Einzelne für sich selbst entscheiden. Hoffmann und Kauffmann versäumen es nicht, auf die Haupt- und Nebenwidersprüche des Themas hinzuweisen, plädieren für eine sorgfältige Diagnostik und die Begleitung sachkundiger Ärzte (falls man sie je finden sollte – zur Not bieten die Autoren selbst ihre Dienste an; und warum auch nicht). Uns Experimentierfreudigen und Selbstoptimierern bleibt am Ende allein der Weg des »Try & Error«. Versuch und Irrtum: wir müssen selbst entscheiden, ob wir reichlich Fisch esssen wollen – angesichts der Überfischung und Verschmutzung der Meere ein zweifelhaftes Unterfangen. Wir müssen selbst Antworten auf Fragen finden wie: Sind Algen das A & O? Auf Leinöl verzichten, nur weil es angeblich »kropfbildend« (goitrogen) ist? Weidemilch oder Lugol’sche Lösung?

Mein Fazit

Das Jod-Buch der beiden Heilpraktiker ist lesenswert. Aber es wirft Fragen auf. Ich bin selbst Heilpraktikerin und gegenüber alternativen medizinischen Auffassungen offen. Allerdings halte ich unseren Körper nicht für einen Chemiebaukasten. Auch der Ideologie eines »Mangels« hänge ich nicht an. Vielleicht irre ich mich, aber die Botschaft vom »Mangel« erscheint mir angesichts unserer Überflussgesellschaft recht zynisch. Wer sie vor sich herträgt, hat erfahrungsgemäß stets ein Gegenmittel im Gepäck und hofft auf gute Geschäfte. Auch die in der Regel unter Laborbedigungen gewonnenen Erkenntnisse der Ernährungswissenschaften, egal ob von DGE, WHO oder von anderswo, sehe ich skeptisch. Komplexe körperliche Vorgänge auf Quantitäten zu reduzieren, allen Erkenntnissen der Psychoneuroimmunologie zum Trotz, halte ich für, na ja, unterkomplex, egal ob sie in Mikro- oder Milligramm gemessen werden. Zur weiteren Orientierung verweise ich daher an den Ernährungswissenschaftler meines Vertrauens, Thomas Frankenbach, Stichwort: »Somatische Intelligenz«. Man könnte auch einfach auf die Sprache des Körpers hören, was auch keine einfach Übung ist.

Und hier die Links:

Wo ist Jod drin? Hier, sagt die Tabelle des VEBU (Vegetariererbund Deutschland)

Hier informierst du dich direkt bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) über die Empfehlung für die nötige Tagesdosis Jod

Der Arbeitskreis Jodmangel ist eine Ausgründung der DGE und Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie und besteht seit 1984

Hier geht’s zur Website von Kyra Hoffmann, Heilpraktikerin und Autorin von »Jod – Schlüssel zur Gesundheit«

Dieser Link führt dich zur Website von Heilpraktiker Sascha Kauffmann, Co-Autor des oben genannten Buches

Zählst du dich auch zu den Selbstoptimierern? Lies diesen Artikel aus der Schweiz mit dem Titel: »Das Leiden unter dem Glückszwang«

Hier geht’s zum Thema Somatische Intelligenz – wissen, was dem Körper WIRKLICH gut tut à la Thomas Frankenbach, Ernährungswissenschaftler und Karatekämpfer

Veröffentlicht am 28.08.2016

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