Klamottenkur

Auch das ist Fasten: Bis zum Ostersonntag die Klamottenkur mitmachen und nicht mehr als 50 Kleidungsstücke tragen – aktueller Link hier

Führen Minimalisten das bessere Leben?

Karl Marx hat mal gesagt: »Das Sein bestimmt das Bewusstsein.« Aber müsste es nicht genau andersrum heißen: »Das Bewusstsein bestimmt das Sein«? 1867, als »Das Kapital, Band 1« erschien, mag Marx‘ Satz Berechtigung gehabt haben. Es gab noch keine Discounter, die suggerieren, dass niemand Mangel leiden muss. Der wahre Preis für die Billiggüter wird dabei bekanntermaßen woanders gezahlt – Massentierhaltung oder die Ausbeutung von Mensch und Natur sind die Stichworte. Um sich aus der Spirale der Widersprüche und Nebenwidersprüche des modernen Konsumenten zu befreien, gewinnt die Bewegung der Minimalisten an Fahrt. Der Charme ihrer Haltung erschließt sich einem sofort: Besitze wenig und gewinne im Gegenzug Freiheit und Zeit. Zwei junge Frauen aus Köln, beide Anfang 30, übertragen dieses Credo auf die Mode. Sie haben die Kampagne »Modeprotest« gegründet und rufen während der Fastenzeit zur »Klamottenkur« auf. Ich habe Lenka Petzold, Textildesignerin und Vorstand im »Sustainable Design Center e.V.«, nach ihrer Motivation befragt.

Ein Interview mit Lenka Petzold

RWB: Könnt ihr schätzen, wie viel Leute bei euren bisher vier »Klamottenkuren« schon mitgemacht haben?
Petzold: Nicht wirklich. Wir sind so sehr beschäftigt mit dem Aufsetzen der Aktionen, dass uns die Zeit zur Evaluation fehlt. Dass das Interesse steigt, können wir aber daran messen, dass immer mehr Interessierte sich an unserer Umfrage »Wie viel Kleidung« beteiligen. Und auch daran, dass immer mehr Mitstreiterinnen in verschiedenen Städten zu Beginn und während der »Klamottenkur« Events veranstalten.

Man findet euch unter der Website »Modeprotest« und »Klamottenkur«. Was ist der Unterschied?
Die »Klamottenkur« ist eine Aktion, die sich auf die Fastenzeit beschränkt – unsere Kurzeit. Sie funktioniert ganz einfach: Wir haben eine Liste von 50 Teilen Kleidung zusammengestellt, die jeder selbst aus seinem Kleiderschrank wähltDie Herausforderung besteht darin, sich während der Fastenzeit vom 18. Februar bis zum 4. April auf diese 50 Teile zu beschränken. Unter www.modeprotest.de findet sich alles, was zu unserer Kampagne gehört. Also auch die Umfrage oder auch die Reflexionsstation, mit der wir auf Veranstaltungen präsent sind.

Schaffst du es, dich freiwillig auf diese Teile zu beschränken?

Schaffst du es, dich freiwillig auf diese Teile zu beschränken?

Reflexionsstation – drei Fragezeichen! 
Das ist ein kleines Aktions-Tool, wo man mit Hilfe von Nadeln seinen Modekonsum schätzt – und so leichter in die Reflexion und die Diskussion einsteigen kann.

Was wollt ihr mit eurem Protest erreichen?
Wir sind beide vom Fach, ich bin Textil-, Annika ist Modedesignerin. Wir haben uns schon vor dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesh, bei dem es 2400 Verletzte gab und 1100 Menschen gestorben sind, gefragt: Was kann man anders machen? Wie können wir in einem System, das ganz anders aufgebaut ist, ein individuelles und nachhaltiges Bekleidungssystem erschaffen? Über die Kampagne »Modeprostest«  sind wir dann als Team zusammen gewachsenUnser Ziel ist, ein anderes Bewusstsein für Mode und die eigene Gaderobe zu wecken. Sich als Konsument also schon vor dem Kauf Gedanken zu machen, was brauche ich wirklich, unter welchen Bedingungen kaufe ich, auf welches Minimum kann ich mich beschränken?

50 Teile sind echt knapp, beim ersten Lesen der »Klamottenkur«-Liste geriet ich ins Schwitzen.
(lacht) Klar! 50 Teile sind provokativ. Es geht ja um die Erfahrung. Jede und jeder kann nach der »Klamottenkur« reflektieren, wie sich das angefühlt hat, was vermisst oder vielleicht überhaupt nicht vermisst wurde.

Klamottenkur: Der Start in Hamburg

Wie ist das Feedback? Gab’s schon böse Briefe von der Industrie, seid ihr getrollt worden?
Nein, gar nicht. Aber es gibt Menschen, die uns sagen, dass sie schon lange mit weniger als 50 Teilen auskommen. Für die ist es nichts Neues. Aber für das Gros jener, die uns eine Rückmeldung geben, natürlich schon. Wir machen das Modefasten jetzt im vierten Jahr. Die meisten sehen danach ihre Garderobe mit anderen Augen – oder bleiben sogar bei den 50 Teilen.

Was heißt das: mit anderen Augen?
Es rücken andere Aspekte in den Vordergrund: Ob man etwas wirklich braucht, ob man ein Teil öko und fair produziert kaufen kann oder ob man sich zum Beispiel für Langlebigkeit und eine bessere Qualität entscheidet. Auch die Möglichkeiten, ein Teil in die Änderungsschneiderei zu bringen oder sich gleich für ein individuelles Unikat zu entscheiden, kommen wieder in Betracht. Uns geht es wie gesagt auch um ein Bekleidungssystem. Dabei spielt zum Beispiel die Kombinierbarkeit ein große Rolle. Wir haben auch schon mal mit dem Gedanken der Uniform gespielt. Es geht uns unter anderem auch darum, die Wahrnehmung dafür zu schärfen, wie wir von dem bestehenden Modesystem verführt werden, uns immer wieder etwas Neues zu kaufen.

Aber gegenüber meinen Kollegen im Büro möchte ich vielleicht nicht jeden Tag in derselben Klamotte erscheinen. Die einzige mir bekannte Person, die das wirklich durchzieht, ist Christian Felber von der »Gemeinwohl-Ökonomie«. Er scheint immer den gleichen grünen Pullover zu tragen.
Ja, das ist interessant. Warum ist es mir wichtig, was die Kollegen denken? Das ist eine Frage von Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung. Aber auch hier kommt wieder die Kombinierbarkeit ins Spiel. Eine gut kombinierbare Garderobe muss keineswegs langweilig sein.

Wenn ich mich von Kleidungsstücken trennen will, was ist der beste Weg?
Für nicht empfehlenswert halte ich die »Rückgabe-Aktion« der großen Ketten oder Versandhäuser, bei denen man einen Gutschein bekommt, was wiederum den Konsum anregt.   Aber Flohmärkte, Secondhand-Läden, Tauschparties wären eine Idee. Oder gut erhaltene Stücke einer gemeinnützigen Organisation zu spenden. Aber auch hier sollte man bewusst vorgehen: Spendet man ein völlig zerschlissenes Teil, entsteht im Gegenzug wieder kostenspieliger Sortieraufwand. Damit ist niemandem geholfen.

Lenka Petzold, vielen Dank für das Gespräch!

Und hier die Links:

Mit Modeprotest wollen die Initiatorinnen Lenka Petzold und Annika Cornellissen ein Zeichen gegen Massenkonsum setzen

In Hamburg luden Rachel Kopp, die Lieblingsstücke upcycelt oder maßschneidert von Schutz-und-Schmuck und Sarah Buerger, CEO und Founder von Formschoen (Raum für Design) zum Start-Event ein

Klamottenkur: die Liste zum Ausdrucken

Und du so? Ein erster Schritt, ein Bewusstsein für Kleidung zu entwickeln, ist mit dem  Ausfüllen dieser Umfrage  gemacht

Auf der Klamottenkur-Website findest du noch mal alle Infos

»Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche.« (Sokrates, griechischer Philosoph, 479 v. Chr. – 399 v. Chr.) – und andere Zitate sind auf dem Blog einfachbewusst versammelt

Wie üblich die coolen Minimalismus-Vertreter aus Übersee

Veröffentlicht am 18.02.2015

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