Ein Buch für Banausen

»Kochen« ist eine fabelhafte Einstiegsdroge für Intellektuelle, die ein Zeitproblem und zwei linke Hände haben

Langmütiger Perfektionist

Der größte Gewinn, den man aus der Lektüre von »Kochen – eine Naturgeschichte der Transformation« ziehen kann, ist die Gelassenheit. Michael Pollan, laut New York Times Magazine einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt, schämt sich seiner Fehlschläge nicht. Ein Bier, das im Abgang durch die Nuance »Wundpflaster« missfällt, ein Sauerkraut, welches sich in Matsch verwandelt hat oder ein Brot, das aufgrund einer unerbetenen Kavitation maximal als »Partielle Brotpleite« durchgehen kann: All das macht Mut, sich ebenso unerschrocken wie der Autor traditionelle Formen der Lebensmittelherstellung anzueignen.

Ein Akt des Widerstands

Ja, es wird einiges schiefgehen, aber dümmer wird man durch Do-It-Yourself bestimmt nicht. Vielleicht ist das Selbstfabrizierte am Anfang nicht ganz perfekt, aber auf jeden Fall ist es preiswerter als die Ware gleichen Namens aus dem Supermarkt, gesünder und sogar ein bisschen subversiv. Pollan: »In einer Welt, in der nur noch wenige von uns gezwungen sind, überhaupt zu kochen, ist die Entscheidung, es trotzdem zu tun, ein Protest gegen die Spezialisierung – gegen die totale Rationalisierung des Lebens. Gegen das Vordringen kommerzieller Interessen in den allerletzten Winkel unseres Lebens. Wenn wir aus Vergnügen kochen, in unserer Freizeit, erklären wir uns unabhängig von Unternehmen, die aus jeder Minute unseres Tages eine weitere Gelegenheit zum Konsum machen wollen.«

Mit einer Prise Tratsch

»Kochen«, Pollans siebtes Buch, ist ein kurzweiliges Lesevergnügen. Es kurvt an wenigen, aber interessanten Statistiken vorbei, hält ab und zu bei den Erkenntnissen meist französischer Anthropologen und Philosophen inne, macht Ausflüge in die Lebensmittelchemie, tratscht über Superhelden der Food-Craft-Bewegung wie Bäcker Chad Robertson, Grillmeister Bittor Arguinzoniz oder »Fermento« Sandor Ellix Katz, um am Ende immer wieder in Pollans Küche zu landen, wo das bei diversen Lehrmeistern Gelernte den Weg vom Missgeschick zum Meisterwerk findet. Anders als andere amerikanische Sachbuchautoren ermüdet Pollan, Professor für Journalismus in Berkeley, nicht durch ständige Wiederholungen, kommt auf den rund 500 Seiten aber auch nicht ohne aus. Dafür wird man jedoch durch eine exzellente Übersetzung (Katja Held, Enrico Heinemann und Renate Weitbrecht), ein ausführliches Literaturverzeichnis, sowie durch vier nachahmenswerte Rezepte analog zur Kapitelaufteilung in »Feuer«, »Wasser«, »Luft« und »Erde« entschädigt.

Fazit

Schon während des Lesens gelingt es, statt einigermaßen schmeckenden richtig köstliche Gerichte auf den Tisch zu zaubern. Kennt man erst Tipps wie »nicht zu heiß«, »nicht zu schnell« und » nur wenige Zutaten«, ist »Kochen« die Überraschung des Jahres! More to come, stay tuned!

Bonus Lieblingssatz

Es geht um die Alkohol erzeugende Hefepilz-Art Saccharomyes cerevisiae: »Um diese unternehmungslustige Pilzfamilie mit nie versiegenden Strömen an flüssigem Gärsubstrat zu versorgen, gestalteten wir Menschen weite Teile der Erdoberfläche um und bepflanzten Zigmillionen Hektar Land mit Getreide und Obst, um ihr ein Schlaraffenland aus vergärbarem Zucker zu verschaffen.«

Und hier die Links:

Chad Robertson’s »Tartine Bakery«, in den höchsten Tönen gelobt von Martha Stewart

Hier geht’s zu Bittor Arguinzoniz, dem Basken, der Kaviar grillt

Hi, I am Sandor Ellix Katz and a fermentation revivalist

Michaels Pollans Bio beim Verlag Antje Kunstmann, hier die Verlagsinfo

»Wenn das nun alle machen würden! Wo kämen wir hin?« Ein erhobener Zeigefinger von der ZEIT unter der suchmaschinenoptimierten Zeile entschleunigung-biedermeier-handarbeit-stressabbau (ich habe seinerzeit törichterweise mal kommentiert und werde seither mit ABO-Mails zugespamt) und vom Bayrischen Rundfunk, mit dem herzzerreißend liebenswerten Maurice Maggi (leicht lädiert)

Veröffentlicht am 09.01.2015

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