Zu gut für die Tonne

Mai 2016, Rathausmarkt Hamburg: Foodsharing verschenkt bergeweise gerettete Lebensmittel und gute Laune dazu

Foodsharing als Thema für's Journalismus-Studium

Foodsharing als Thema für’s Journalismus-Studium

Radeln auf dem Smoothie-Bike @foodsharing-flashmob, Hamburg

Radeln auf dem Smoothie-Bike @foodsharing-flashmob, Hamburg

Der ganze Wahnsinn

Links tritt jemand in die Pedale und treibt damit einen Smoothie-Mixer an. Rechts schnibbeln bunt beschürzte Damen Paprika und Tomaten. Ein Koch, ebenfalls mit mobiler Küche angeradelt, zaubert leckere Snacks. In der Mitte eine Pyramide aus Kisten, zum Bersten voll mit Lebensmitteln, vor wenigen Stunden vor der Mülltonne gerettet. Nur eine winzig kleine Menge dessen, was täglich weggeschmissen wird; ein Promill vielleicht, wenn nicht ein Zehntausendstel, Millionstel, Billionstel. Jedes Jahr werfen die Deutschen pro Kopf durchschnittlich 82 Kilogramm Lebensmittel weg, meist Obst und Gemüse. Das sind rund 235 in die Tonne getretene Euro. Viel Geld, aber der Wahnsinn kostet uns, die Weltgemeinschaft, noch viel mehr: fruchtbare Böden zum Beispiel oder gutes Trinkwasser. Eine globalisierte Herstellungslogik nimmt in Kauf, dass am Ende der Vertriebskette von vier Milliarden Tonnen jährlich produzierter Lebensmittel mehr als 1,3 Milliarden einfach weggeschmissen werden.

Reges Interesse am Stand von Foodsharing.de im Mai 2016, Rathausmarkt Hamburg

Reges Interesse am Stand von Foodsharing.de im Mai 2016, Rathausmarkt Hamburg

Schwarmintelligenz? Nicht ganz!

Knapp vier Jahre gibt es Foodsharing.de schon. Auf Initiative des fünf Jahre geldlos lebenden Raphael Fellmer und anfänglich dank des Geschick des Programmierers Raphael Wintrich hat sich die Organisation als Online-Plattform etabliert. Der erste Partnerbetrieb, der mit Foodsavern kooperierte, war ein Biocompany Supermarkt aus Berlin. Mittlerweile gibt es 15 000 Foodsaver in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie haben in Tausenden von Partnerbetrieben rund 3, 5 Millionen Kilo Lebensmittel gerettet. Die gesamte Organisation wird nach Art der lernenden Organisation ständig erneuert und verbessert. Foodsaver kann werden, wer ein Quiz besteht und sich an die Spielregeln hält. Es gibt mehrere Ebenen, die Erfahrung hat gezeigt: ganz ohne Hierarchie funktioniert der Schwarm nicht.

Foodsharing Botschafterin Fatma Seligmann, Rathausmarkt, beim 2. Foodsharing-Flashmob

Foodsharing Botschafterin Fatma Seligmann, Rathausmarkt, beim 2. Foodsharing-Flashmob

Nimm mich mit!

In der heißen Sonne an diesem Mai-Samstag schmelzen Mon-Cherie und Niederegger Marzipan schnell dahin. »Liebe Hamburgerinnen und Hamburger, nehmt euch bitte was zu essen mit!«, ruft Fatma Seligmann ins Megaphon, eine von mehreren regionalen Botschafterinnen. Das Angebot ist nicht nur reichlich, sondern auch vielfältig. In meinem Rucksack landen Queller, Kurkuma, Aubergine, Apfel, Orange, Steckrübe, Mohnkuchen, Geleefrüchte, belgische Pralinen und diverse andere Süssigkeiten. Viel zu viel eigentlich. Ob ich als Journalistin mit kritischer Distanz berichten werde, fragen mich zwei Journalistik-Studentinnen, die sich Foodsharing als Thema ausgeguckt haben. Nein, werde ich nicht und kann ich auch nicht. Seit einem Jahr bin ich selbst Foodsaverin und schleppe gern mal 12 Kilogramm Rosenkohl vom Wochenmarkt ab. Dass ich einst mal auf dem Rathausmarkt sitzen, Tomaten schnibbeln und dabei jede Menge Spaß haben würde, hätte ich nie gedacht. Auch nicht, wie delikat Queller auf geretteter Pasta mit geretteter Zitronenmelisse schmeckt. Ohne Foodsharing hätte ich diese Erfahrungen niemals gemacht. Bei Foodsharing aktiv zu sein, hat etwas Befreiendes, auch in finanzieller Hinsicht. Deshalb bin ich extrem gespannt, wie es mit Yunity weitergeht, dem neuen Projekt der Foodsharing-Vordenker. Weiterführende Links findest du – wie immer – ganz unten.

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Und hier die Links:

Dieser Film sagt eigentlich alles

Die Seite von Foodsharing.de enthält das Quiz, ein Wiki, enthüllt die Struktur und zahlreiche Möglichkeiten, wie auch du dich am Lebensmittelretten beteiligen kannst

Yunity heißt das neue Baby des Foodsharing-Kernteams – ganz aktuell ist die Einladung für die Wupp Days im Mai in Kirchheim unter Teck

Der ganze Wahnsinn der Lebensmittelverschwendung wird in »Taste the Waste« von Valentin Thurn bildhaft

Lebensmittel, die am 7. Mai NICHT in die Tonne wanderten, siehst du in dieser Fotogalerie

Veröffentlicht am 08.05.2016

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