Mitglieder des Vereins nah:türlich genießen e.V. erfüllen das Label »regional« mit wahrer Qualität
Update: »nah:türlich geniessen MARKT«, 11.-12.Juni 2016, Großmarkthalle Hamburg – unbedingt hingehen!! (Links mit weiterführenden Infos findest du ganz unten)
Die Initiatoren
Oktober 2015, Hamburg. In einem alten Schuppen, der noch immer ein wenig nach Pfeffer duftet, findet die »eat & STYLE« statt – eine Endverbrauchermesse, die sich Festival nennt. Schätzungsweise ein Sechstel der Fläche wird von den Mitgliedern des Vereins nah:türlich genießen belegt. Das ist praktisch, denn so zeigt sich, wofür die norddeutsche Initiative aus Gastronomen, Landwirten, Köchen, Gärtnern, Lebensmittelhandwerkern und -vermarktern steht: kurze Wege, an denen entlang Foodies ein Maximum an Frische und Lebensmittelqualität erwarten dürfen. Die Initiative wurde 2014 von Karl Wolfgang Wilhelm und Dr. Carsten Bargmann gegründet. Zwei Herren, die durchaus etwas Kämpferisches haben.
Die Motivation
Davon merkt man im Interview anfangs allerdings nichts. Er koche jeden Tag und kaufe jeden Tag ein, sagt Wilhelm. Da sei im Laufe der Jahre ein gewisser Erfahrungsschatz zusammen gekommen. Aufgewachsen sei er sowieso mit einer ganz anderen Art der Lebensmittelbeschaffung. Das hört sich fast romantisch an. Ist es aber nicht. Am Ende wird man merken, dass dem Vereinsvorstand die allgemeine Vebrauchertäuschung gehörig gegen den Strich geht. »Ich will, daß jeder Verbraucher weiß: woher kommen meine Lebensmittel? Es muss Schluss damit sein, dass der dehnbare Begriff Regionalität mißbraucht wird«, tadelt er. «Regionalität ist kein Wert an sich. Er muss an Qualitätskriterien angebunden sein.« Was die Vereinsmitglieder von nah:türlich genießen darunter verstehen, ist mit gleich drei downloadbaren Kriterienkatalogen hinterlegt: den Ökosozial-, Qualitäts- und Regionaliätskriterien.
Wer als Verbraucher mit den Zielen des Vereins einverstanden ist, kann als Fördermitglied mit einem Beitrag von 80 €/p.a. dazu stoßen. Und erhält dafür einen Zahlungsgutschein in Höhe von 30 €. Er ist einlösbar bei jedem Mitgliedsbetrieb. Welche das sind, wollen wir hier in aller Kürze vorstellen:
»Bestes regionales Bio aus Norddeutschland« verspricht Naturkost Nord. Der Großhändler hat seinen Sitz in 21218 Seevetal und ist an den Bundesverband »Die Regional Bewegung« angeschlossen. Mit dem von ihm entwickelten Preisschild-Aufstecker »Unsere Höfe im Norden« soll die Herkunft der Ware künftig besser erkennbar sein.
Zum Hamburger Bauerngarten gehören 15 Gärtnerbetriebe aus der Metropolregion Hamburg. Wer ihr knackiges Gemüse oder frisches Obst sucht (oder bereits schätzt), hält die Augen nach den gelben und roten Pfandkisten des Vertriebs offen. Sie wurden speziell für Bauerngarten entwickelt und dürfen ausschließlich von Mitgliedern des Erzeugerkreises verwendet werden.
Konsequent regional und nachhaltig zu sein, ist die Philosophie des jungen Startups Frischepost. Die Online-Händlerinnen und Händler liefern keine herkömmliche Bio-Kiste – sondern stellen ein tagesfrisches Sortiment regionaler und saisonaler Produkte zur Auswahl ins Netz. Bestechend: ausgeliefert wird mit Elektro-Bikes und es gibt Mehrwegverpackungen. Wer mehr über das von zwei jungen Frauen gegründete Unternehmen wissen will, wird im Blog Susies Local Food Hamburg fündig.
Die Bio-Salat-Offensive von Blattfrisch kann man auf Märkten in Eppendorf, Winterhude und auf dem Burchardtplatz in der Innenstadt live erleben. Die Gründer Arne und Georg beziehen ihre tagesfrischen Salate von den Partner-Höfen Overmeyer, Sannmann und Medewege . Egal ob nussig, proteinreich oder mit leichter Wasabi-Note, die Qualität der Salate ist Demeter.
Die Milch von mehr als 100 Ziegen wird auf dem Ziegenhof Rehder verarbeitet. Die Ziegenherde, bestehend aus Toggenburgern und weißen deutschen Edelziegen, wird im Familienbetrieb seit 1979 aufgebaut. In Hamburg ist Rehder auf Wochenmärkten vertreten – einige Käsesorten findet man in Filialen von Reformhaus Engelhardt.
Hof Wörme N°2 aus Handeloh in der Heide baut unter anderem auf der hofnahen Flächen Demeter-Getreide an, mahlt es mit der hofeigenen Steinmühle und stellt mit Hilfe des begnadeten Bio-Bäckers Michael Valenta fantastische Brote und Kuchen her. Geliefert wird bis nach Niebüll – aber auch in Hamburg bekommt man die Köstlichkeiten in elf verschiedenen Cafés, Supermärkten, Bioläden (suche auf der Website unter Angebote). Online bestellt man Wörme-Waren über die Gemüse-Kiste der Gärtnerei Sannmann.
220 biodynamische Höfe gibt und Gärtnereien gibt es in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Wer sie näher kennenlernen will, klickt auf www.demeter-im-norden.de Auf der Plattform findet man neben Hof-Portraits auch jede Menge interessanter Workshop-Termine oder biodynamische Ausbildungs-Angebote.
nah:türlich genießen Gastro
Mit am Start auf der nah:türlich genießen e.V. Messe-Präsenz: unter anderem die Restaurants Engel, Rolling Taste, VLET, Witwenball, Fillet Of Soul
Zitat von der Website: »Mit regionalen Köstlichkeiten und den Gerichten aus authentischen, in den norddeutschen Regionen gewachsenen, frischen und verarbeiteten Produkten möchten wir die Regionen und Kulturlandschaften Norddeutschlands als Genussregion Nord (…) erlebbar machen. Regionales Gemüse und Obst, handwerkliche Käsespezialitäten, Delikates von seltenen Rassen auf Wilden Weiden, Jahreszeitenmilch, Honige, Pflanzenöle, Fruchtaufstriche, Säfte, Liköre, Kuchen und Torten aus regionalen Zutaten sind schon heute ausgezeichnete Botschafter dieser Idee.«
Ein Happs Flachland-Tiroler und schon ist man einer der Käsespezialitäten von Hof Dannwisch verfallen. Im Nordwesten Hamburg ist der Elmshorner Hof schon lange eine Institution. Über den Online-Shop kann sich aber die ganze Stadt oder das schleswig-holsteinische Umland von den Dannwischern beliefern lassen. Aus dessen Käserei stammt übrigens auch der einzige Demeter-Blauschimmelkäse Norddeutschlands. Genannt: Der Edle.
Fleisch für Kenner zu liefern, das haben sich die Linda Holste (promovierte Ozeanographin) und Hélène Gibaud (promovierte Argrawissenschaftlerin) auf die Fahnen geschrieben. Die beiden vermarkten die Rinder des Biosphärenkontors – wie schon einmal hier berichtet. Auf der »eat & STYLE« fachsimpelten sie unter anderem mit Lucki Maurer. Der TV-Koch mit Passion für Fleisch plädiert dafür, ein Tier wertschätzend von »Nose to Tail» zu verzehren.

FeinWild ist eine Anstalt öffentlichen Rechts und liefert Wild aus Schleswig-Holsteins Landesforsten
In schleswig-holsteinischen Landesforsten geschossenes Wild hat das ganze Jahr über Saison. Schließlich seien Jagd- und Schonzeiten an den Lebensrhythmus der Tiere angepaßt, heißt es in dem Flyer von FeinWild. Reh-, Dam-, Rotwild oder Wildschwein sind im Wechsel zu bekommen. Auch luftgetrocknete Salami, Wildschinken und Sauerfleisch sind im Angebot. Obendrein präsentiert die Anstalt Öffentlichen Rechts delikate Wild-Rezepte auf ihrer Homepage.
Coming soon bei Hand-zu-Hand: Rote Beete- und Kürbis-Schorle. Die beiden Geschmacksrichtungen zeigen, wohin die Reise gehen wird – hier wird kein billiger Industrie-Zucker zugesetzt, die Erfrischungsgetränke vermählen die natürliche Süsse von Äpfeln mit der Süße von heimischem Obst und Gemüse. Apfel-, Rharbarer- und Johannisbeerschorle sind schon heute zu haben.
Auf der Suche nach einem geeigneten Hof wurden die Hocks im nordfriesischen Humptrup fündig. Nach zwölf Jahren hat der Hockmannshof einiges vorzuweisen: auf 17 Hektar tummelt sich in wechselnden Gehegen ganzjährig eine Rotte von etwa 70 Schweinen, in den Ställen lauern zwei ausgewachsene Eber darauf, dass die Sauen der Rasse dänisches Protestschwein bald rauschig werden. Du willst mehr wissen? Buche eine Ferienwohnung!
Die Hamburger Diplom-Pädagogin Anita Nemeth-Hesemann arbeitete für den Zukunftsrat Hamburg und erstellte von 2009 bis 2011 den Veranstaltungskalender „Aus der Region – für die Region“. Heute organisiert sie mit ihrer Firma Ländlich unterwegs Tagesausflüge für kleine Gruppen von maximal 20 Interessierten. Das Ziel: norddeutsche Höfe, darunter viele Mitglieder des Vereins.
Wohl kaum eine Truppe hat die Herzen (und Gaumen) der Hanseaten so nachhaltig erobert, wie De Öko Melkburen. Die Milchbauern beweisen, was andernorts als »nicht machbar« gilt, nämlich, dass man auch in der Milchwirtschaft eine muttergebundene Kälberaufzucht praktizieren kann. Was die wenigsten wissen: bei den Ökomelburen Möller kann man auch Ferien machen und sich das Ganze aus der Nähe anschauen.
Wie wichtig der Erhalt erreichbarer und in ihrem Sinne arbeitender Produktionsstätten für Bauern ist, zeigt die Geschichte der Meierei Horst. Der Traditionsbetrieb wurde in einer konzertierten Aktion unter maßgeblicher Beteiligung der Öko Melkburen vor dem Untergang gerettet. Um den Erhalt zu sichern, können Erzeuger, aber auch Konsumenten, der Meierei-Genossenschaft beitreten.
Neben Produktionsstätten trägt ein gescheiter Vertrieb zum Überleben regionaler Strukturen bei. Der Bio Höfeladen Sülldorf ist ein Prototyp, der die Waren der nah:türlich genießen-Betriebe (und mehr) im Angebot hat. Um ein Beispiel der Philosophie des Ladens zu geben: hier sind ausschließlich Eier aus der Bruderhahn-Initiative im Angebot. Sind sie ausverkauft, sind sie ausverkauft.
Nicht nur auf Brot genial, sondern auch zum Kochen – etwa für Saucen oder Dips – überzeugen die Produkte aus Reinhard Beiers MarmeLaden. Zum Teil stammen die Früchte aus Wildwuchs, die meisten aber von Höfen aus der Region, dem Alten Land oder von Bio-Betrieben. Beier verarbeitet nie mehr als 3 Kilo Frucht auf einmal und fügt ein Minimum an Zucker hinzu – nur vier der rund sechzig Marmeladen Sorten enthalten weniger als 70 % Frucht. Neu im Sortiment: handgemachter Ketchup.
Auch am Stand von Hof Wümmetal möchte man am liebsten stundenlang züchterisches Wissen aufsaugen. Gelegentlich stehen die Reinhards auf dem Hamburger Isemarkt, der in Wistedt gelegene Hof ist aber auch jeden ersten Samstag im Monat von 10:00 bis 16:00 Uhr geöffnet. Die Rinder werden auf dem Hof geschlachtet, die Wurstwaren in einer kleinen Wurstmanufaktur hergestellt. Online bestellen? Kein Problem!
Generationenwechsel geglückt: vor vier Jahren hat der Geflügelzüchter Carl-Wilhelm Orht die Hofnachfolge an die Familie des jungen Landwirts Frank Gadow übergeben. Gänse, Enten (Barbarie), Mularden, Hähnchen und Perlhühner werden auf dem Schönmoorer Hof auf der Weide gehalten und auf dem Hof geschlachtet. Geliefert wird an Gastronomie, Handel und Privatpersonen – neben Geflügel auch Wild.
Der »nah:türlich geniessen MARKT« findet 2016 erstmalig in den Hamburger Großmarkthallen statt. Aktuelles wie Anfahrt und Aussteller in den kommenden Wochen bei Facebook
Außerdem Dank an Eat&STYLE, meinen Lieblingsbrauer Elbpaul (und den unbekannten Kollegen, der so nett war, mich in die Stadt zurückzufahren), Dr. Goerg (für eine großzügige Versorgung mit Kokosprodukten), Alohacherie (freu mich schon auf das Restaurant), das wandelnde Kartoffellexikon Swen Gündel und natürlich Nahid Salashoor von Elbe-Orient-Gourmet.
Weitere Fotos von der »eat & STYLE» findest du hier
Veröffentlicht am 12.10.2015