Nimby…

…ist die Kurzform für: Not In My Backyard. Wir kennen es auch als Sankt-Florians-Prinzip. Ich berichte live  #bloggerfuerfluechtlinge

»Dann zieht doch woanders hin!«, ruft ein empörter älterer Herr. Die Angesprochene schießt umgehend zurück. Man sei nun einmal keine homogene Gruppe, es müsse erlaubt sein, Ängste zu äußern, wenn in Kürze eine große Folgeunterbringung für Flüchtlinge in »50 Meter Luftlinie« errichtet werde. Viele der Teilnehmer des Infoabends nicken unmerklich, vereinzelt wird geklatscht. Sie stimmen der hochschwangeren Frau zu. Aber ein »besorgter Bürger« darf man heute nicht mehr sein, das ist »Nazi«. Die Moderatorin von der Behörde beschwichtigt. Ängste sollen und müssen zur Sprache kommen, dafür seien die runden Tische da, es gäbe die E-Mail-Adresse des Sozialraummanagers, wir hören zu, wir lassen Sie nicht allein. Doch spukten in manchen Köpfen auch unberechtigte Ängste. Die Angst zum Beispiel, dass jeder zweite Flüchtling in Kürze mit seinem Auto hier im Viertel rumgurken wird und man keinen Parkplatz mehr findet – die sei unberechtigt.

»Ich bin nicht die Bundeskanzlerin«

Können es nicht weniger sein, wann sind sie wieder weg, kommen nach den Containern etwa entgegen des anderslautenden Bebauungsplans Wohnhäuser? Beim Infoabend bringen sich etliche Juristen in Stellung und trumpfen mit Fachwissen auf. Aber das Baurecht bricht nicht das Grundrecht auf Asyl. Und das Baurecht bricht auch nicht das Polizeirecht, auf dessen Grundlage die Verwaltung vor Winterbeginn Zelte abbauen und beheizbaren Wohnraum aufbauen will*. »Wir müssen vor die Lage kommen«, sagt der Leiter des Bezirksamts. »Ich bin nicht die Bundeskanzlerin«, sagt die Dezernentin des Jugendamts. Aber jene, die sich in einem innenstadtnahen, überaus idyllischen Viertel ein ziemlich teures Stadthaus zugelegt haben, rennen mit ihren Argumenten immer und immer wieder gegen den Satz »Es ist eine Notlage!« an. Nimby – Abkürzung für »Not In My Backyard« – nennt man das wohl, im  deutschsprachigen Raum auch als Sankt-Florians-Prinzip bekannt: »Herr, verschone mein Haus und zünde das meines Nachbarn an.

* Hier irrt die Verfasserin: Inzwischen hat eine Gruppe von vier Klägern, unterstützt von etwa 200 Gleichgesinnten, per Verwaltungsgericht einen Baustopp erwirkt

Return Of Klassenkampf

Aber interessant: diese Menschen scheinen wirklich nicht zu verstehen, dass Vater Staat ihnen in diesem Notfall kein Mitspracherecht einräumt. Sie sind fassungslos. In ihren in gewähltem Duktus vorgetragenen Argumenten schwingt im Begreifen der Unabänderlichkeit echte Verzweiflung mit. Vielleicht liegt das daran, dass sie aus eigener Erfahrung Not nicht kennen, nie gekannt haben oder um keinen Preis kennen wollen. Vielleicht ist die Zumutung einer Folgeunterbringung für Flüchtlinge, Wohnungslose und Asylsuchende in unmittelbarer Nähe gleichbedeutend mit einer Art Karriereknick: der Wiederverkaufswert der Immobilie sinkt, in die Schulklassen kommen Sozialschwache, das Lebensprojekt »Elite« gerät ins Wanken. Auch mit der »Distinktion« – man gehört ja ausdrücklich nicht zu den »Hippies« und »Gutmenschen«, die jetzt diese euphorisierte Hilfsbereitschaft an den Tag legen  –  ist es nicht mehr weit her: plötzlich sind die alle unangenehm nah um einen herum. Die Flucht in die Idylle: für die nächsten Jahre gescheitert.

Schlußwort: Ich poste dies hier in einem emotional nicht gefestigten Zustand. Der beschriebene Abend liegt erst ein, zwei Stunden zurück. Es sind Beobachtungen, nicht mehr, nicht weniger.  Mein Traum ist, dass wir erkennen, dass wir uns angesichts der globalen Notlage anständig zu verhalten haben und dass jede und jeder möglichst einen kleinen Teil der Last schultern möge.

** Die Verfasserin irrte vor gut einem halben Jahr sogar sehr. Wie weit inzwischen der Rechtstreit zwischen Stadt und Gutsituierten gediehen ist, illustrieren diese drei Artikel, Quelle: Die ZEIT

Der Flüchtlingsschreck  DZ_17_16_012

Wer protestiert wo  (Sinus Milieus)?  ZH_17_16_004

Wer protestiert warum?  ZH_17_16_005

Eine andere Perspektive nimmt einer meiner Nachbarn ein. Seine Meinung relativiert das oben Geschriebene – und sei deshalb zur Vervollständigung eingefügt:

Das funktioniert für viele unterschiedlich gut

Eine große Gruppe Menschen demonstriert zur Zeit ihre Hilfsbereitschaft gegenüber den Geflüchteten aus Syrien und anderen Ländern. Dabei wird gern übersehen, dass die Lasten völlig ungleich verteilt sind und dass diese für einige Nachbarn gravierend sind.

Wenn man wie wir 100m abseits des Geländes wohnt, hat man kaum Lasten der jetzigen Planung zu tragen. Wenn man 400 m entfernt wohnt, schon gar nicht. Die Lasten des Projekts tragen die unmittelbaren Nachbarn beinah ganz allein. Und deren Bedenken sind keine diffusen Ängste oder Vorurteile, sondern rationale Erwartungen basierend auf realen Erfahrungen und Einschätzungen. Irreal und nicht akzeptabel ist es, das zu negieren und zu tabuisieren.

Wir, die wir meinen, die Zahl 700 ist hier möglich, verkraftbar und aus bekannten übergeordneten Gründen notwendig, müssen eben auch unsere Nachbarn neben der Unterkunft in einigen Punkten solidarisch unterstützen. Und wir müssen Verständnis aufbringen, wenn sie sich manchmal zu ungehalten darüber beschweren, dass sie die Lasten schultern müssen. Schon gar nicht sollten wir uns mit abfälligen Haltungen hervortun.

D.

Und hier die Links:

Über den Wert von Empathie schreibt am 5.11. 2015 Margarete Stokowski (SPON)

Folgeunterbringung sind dazu da, dass das hier und das hier nicht passiert und entschärft wird

Warum es wichtig ist, Ängste äußern zu dürfen und nicht gleich Nazi genannt zu werden

Wieso wir mit Palavern nicht weiter kommen

Was, falls man für Gedichte zugänglich ist, das Herz vielleicht etwas öffnet

Veröffentlicht am 16.09.2015

Ein Gedanke zu „Nimby…

  1. Anja

    Das Lebensprojekt „Elite“ gerät ins Wanken…. Ich feiere Dich allein für diesen Satz, der es auf den Punkt bringt! Danke für diesen Artikel!

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