In Wirklichkeit

Mit Richtig rechnen! hat Christian Hiß ein mitreißendes Buch vorgelegt, obwohl es um Buchhaltung geht

Nach der Lektüre beschwingt: Christian Hiß zeigt Wege auf, wie wir das Ruder vielleicht doch noch rumreißen können

Nach der Lektüre beschwingt: Christian Hiß zeigt Wege auf, wie wir das Ruder vielleicht doch noch rumreißen können

Das soll ihm erst mal einer nachmachen

Normalerweise macht man ja um alles, wo Buchhaltung drauf steht, einen weiten Bogen – also, wenn man eher zum Romantischen neigt. Umso verwunderlicher, dass Richtig rechnen! von Christian Hiß richtig Spaß macht. Der schmale, 2015 im Münchner Oekom Verlag erschienene Band ist in kurze, leicht verdauliche Kapitel eingeteilt. Die Leser werden an keiner Stelle überfordert, auch wenn es um Dinge wie Kapitalverzehr, Kontenpläne oder Klumpenrisiken geht. Hiß schreibt klar und zeigt gelassen die Denkfehler der gegenwärtig dominanten Ökonomie auf. Dabei sondert er weder unterschwellige Schuldzuweisungen ab, noch weckt er kontraproduktive »Empört Euch!»-Gefühlswallungen. Das ist große Kunst!

PUMA, DLG, FiBL, GRI und Regionalwert AG - sie alle arbeiten an einer wirklichkeitsgetreuen Bilanz

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In Wirklichkeit…

…funktionieren unsere bestehenden Wirtschaftssysteme einfach nicht. Dass die Welt in eine zunehmende Schieflage gerät, braucht wohl angesichts der erschreckenden Ereignisse dieses Jahres nicht extra betont werden. »Der Kapitalismus muss richtig begriffen und angewendet werden», schreibt Hiß. »Nicht nur seine Rumpfform darf als Ökonomie bezeichnet werden.» Gemeint ist die Tatsache, dass die gegenwärtige Praxis all jene Unternehmen belohnt, die vorhandene Ressourcen maximal ausbeuten. Die Folgen auf Böden und Wasser, Menschen und Tieren sind evident. Jedes Jahr kommt der  »World Overshoot Day» vom Global Footprint Network ein paar Tage früher.

Hiß schildert die herrschende wirtschaftliche Kurzsichtigkeit vorrangig am Beispiel Landwirtschaft. »Als Gärtner arbeitete ich mit den Gesetzen des Aufbaus und des Abbaus der natürlichen Fruchtbarkeiten», schreibt er, »und bin deshalb mit der ursprünglichsten aller Ökonomien vertraut, dem Haushalten mit den natürlichen Ressourcen und den Grenzen ihrer Regeneration.» Inzwischen hat sich der 1961 geborene Sohn einer der ersten Demeter-Bauern Deutschlands als geschäftsführender Vorstand der Freiburger Regionalwert AG einen Namen gemacht. Am Institut für Social Banking und Social Finance an der Uni Plymouth schloss er einen Masterstudiengang ab, wurde zum Ashoka Fellow ernannt und ist Träger des Sonderpreises »Social Entrepeneur des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2009».

Aus der Praxis für die Praxis

Ein Beispiel: bisheriges versus künftigem, der Realität angemessenen Bilanzieren

Ein Beispiel: bisheriges versus künftigem, der Realität angemessenen Bilanzieren

Werden in die Bilanzen eines landwirtschaftlichen Betriebes die Aufwendungen für den Erhalt fruchtbaren Bodens, die Qualifizierung der Mitarbeiter, das Nutzen regenerativer Energien, eine Vermarktung über kurze Wege oder das Gewinnen des eigenen Saatguts nicht als Maßnahmen in den Vermögensaufbau bilanziert, entsteht bei der Beurteilung dieses Betriebs ein falsches Bild. Das erschwert nicht nur dem einzelnen Unternehmer die Lenkung. Es führt auch dazu, dass Investoren, Finanzbehörden und die interessierte Öffentlichkeit über den wahren Wert des unternehmerischen Handelns getäuscht werden. Mit der Einführung einer »lebensgemäßen Buchhaltung» könnte man diese Fehleinschätzung korrigieren. Natürlich nicht von heute auf morgen. »Man muss sich davon verabschieden, die gesamte Problemstellung auf einmal lösen zu wollen.», sagt Hiß. Werde ab 1. Januar 2017 die neue EU-Richtlinie zur Geschäftsberichterstattung umgesetzt, sei ein Schritt in die richtige Richtung getan. Doch auch hier springe die Politik zu kurz. Hiß: »Erstens, weil die Richtlinie nur große Unternehmen erfasst, und zweitens, weil sie noch zu wenig bilanzwirksam ist.»

Richtig rechnen! - Durch die Reform der Finanzbuchhaltung zur ökologisch-ökonomischen Wende, Oekom-Verlag, 19,95 €

Richtig rechnen! – Durch die Reform der Finanzbuchhaltung zur ökologisch-ökonomischen Wende, Oekom-Verlag, 19,95 €

Mein Fazit

Überraschenderweise habe ich das ganze Buch verschlungen wie einen gut geschriebenen Thriller. Nach der Lektüre fühle ich mich optimistischer. Mit der unaufgeregten Hilfe dieses Praktikers kann es vielleicht doch noch gelingen, das Ruder rumzureißen. Besonders aufmerksam habe ich das Kapitel »Verantwortung und Markt» gelesen. Dort steht der Satz:
»Die scheinbar allgegenwärtige Forderung der Konsumentschaften nach billigen Nahrungsmitteln wird von den Bauern, den Verarbeitern und den Händlern dieser billigen Nahrungsmittel gerne als Rechtfertigung für ihr eigenes ruinöses Wirtschaften benutzt, ist aber im Grunde nur ein hilfloser Versuch, sich aus der eigenen Verantwortung zu ziehen». Das entlastet uns Schnäppchenjäger zwar. Ich glaube aber, dass wir Konsumenten uns ganz gern blinder und naiver stellen als wir sind. Aber das muss ja nicht so bleiben. Richtig rechnen! ist auch für uns ein prima Augenöffner.

Und hier der Link:

Uneingeschränkt empfehlenswert: Richtig rechnen! Durch die Reform der Finanzbuchhaltung zur ökologisch-ökonomischen Wende, Oekom Verlag, München, 120 Seiten, 19,95 €

Veröffentlicht am 30.08.2015

4 Gedanken zu „In Wirklichkeit

  1. Maximilian Erlmeier

    Tolles Buch und eine sehr gelungene und aussagekräftige „Appetit-auf Lesen-machende Rezension“.

    Gratuliere !

    Maximilian Erlmeier

    Antworten
  2. Pingback: aus der Region für die Region: Regionalwert AG | Agrar-Info.ch

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