Wohl bekomm’s

Kann man Smoothies kauen? Ja, und das sollte man auch, um einen Blähbauch zu vermeiden

Smoothies Little Secret

Es ist etwas heikel, einigermaßen gesittet über eine Begleiterscheinung von Smoothies zu schreiben. Es muss ja nicht zwangsläufig unter dem Motto »Ich heize durch Pupen» geschehen, um den Titel eines Gemäldes von Martin Kippenberger zu zitieren. Doch auch Dr. med. Adrian Schulte nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er sein Buch »Alles Scheiße!?« nennt. Schulte hat sich der Naturheilkunde verschrieben und wandelt auf den Spuren des legendären Darmspezialisten Franz Xaver Mayr (1875-1965). Dessen gleichnamige Kur darf man getrost als ersten ernstzunehmenden Detox-Ansatz der Diätetik bezeichnen. Die Mayr-Kur basiert auf den Säulen Fasten, trockene Brötchen und Milch*. Neben der »Entschlackung« des Darms steht dabei das gründliche Kauen im Zentrum. Eine zeitraubende und mühselige Angelegenheit, die sich sparen zu können Freunde des Smoothies inständig hoffen – nur um sich im Gegenzug häufiger einen geblähten Bauch und Flatulenzen einzuhandeln (weiterführende Links unten).

Zeitgemäße Mayr-Kur-Philosophie »Alles Scheiße!? - Wenn der Darm zum Problem wird«, Scorpio, 2016

Zeitgemäße Mayr-Kur-Philosophie »Alles Scheiße!? – Wenn der Darm zum Problem wird«, Scorpio, 2016

Finde den Fehler

Smoothies – wer liebt sie nicht? Gib den Hashtag #smoothie bei Twitter ein, und du badest in einem Meer von Euphorie. Man findet nur wenige Menschen, die nicht so begeistert sind. Einer davon befürwortet die Steinzeitkost Paleo und betreibt unter dem Pseudonym Isa Palstek eine Facebook Gruppe namens »Wilde Fermente«. Für Isa, Ärztin aus Berlin, sind Smoothies »Grauzonen-Paleo». Begründung: »Essen will gekaut werden. Die Kaubewegungen senden Signale ans Gehirn, dass der Darm seine Tätigkeit aufnehmen soll.« Regelrecht dramatisch liest sich der Bericht von Prof. Dr. Ingrid Gernhard. Unter der Überschrift »Warum ich jahrelang glaubte, keine grünen Smoothies zu vertragen« erzählt sie, warum ihr Darm anfangs nicht mitgespielt hat. Zitat:

  1. Ich hatte für den Anfang viel zu viele verschiedene Blätter und Obstsorten genommen.
  2. Ich war nicht nüchtern, als ich ihn trank.
  3. Ich habe ihn zu schnell getrunken.
  4. Ich hatte nur einen billigen, niedrigtourigen Mixer, so dass der Smoothie nicht fein genug war.

In einem späteren Post ermahnt Gernhard ihre Leser »Machen Sie Ihren Smoothie nicht zu dünn, damit Sie nicht in Versuchung kommen, ihn einfach nur runterzuschlucken. KAUEN Sie ihn! Dann kann der Speichel ihn vorverdauen«. Womit wir wieder bei Doc Schulte wären, dem Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, der uns von Darmproblemen befreien will.

Eine Sache der Vernunft

Es gibt wohl kaum einen Ratschlag, der so unsexy ist wie »Schling nicht so« oder »Iss langsam«. Jeder, der schon mal eine halbe Stunde über einem kalt werdenden Teller Pasta gemümmelt hat, wird das bestätigen. Sorgfältiges Kauen und Einspeicheln (die berühmten 36 x) killt jede lebhafte Diskussion, entweder man redet oder man kaut, beides zusammen ist wie »ein bisschen schwanger« sein. Was also tun? Nach der Lektüre von »Alles Scheiße!?« gibt es eigentlich kaum noch einen vernünftigen Grund, die Unsitte des Schnellessens beizubehalten. Nicht allein grimmige Pein oder abgehende Winde, sondern ein ganzer Rattenschwanz pathologischer Symptome sind ein zu hoher Preis, sich alles im Fast-Forward-Modus einzuverleiben. Kurz und gut: Rühre in deinen Smoothie einfach einige Eßlöffel Kautrainer ein. Meine Empfehlung sind Leinsamen (nach Mayr nicht die reine Lehre), Doc Schulte empfiehlt als Kautrainer getrocknete Kokosstreifen oder Nüsse. Dass mit den luftgetrockneten Brötchen und den anderen Kautrainern kommt dann später, wenn du dich an Schultes 10-Tage-Darm-Fitness-Programm heranwagst. Meine Lernkurve: gut gekaut schmeckt alles intensiver, die Smoothie-Menge halbiert sich, weil man zwar länger, aber viel weniger braucht, um satt und glücklich zu sein.

* Milch steht im Gegensatz zu Mayr bei Schulte nicht im Fokus – so wie er die gesamte Philosophie entstaubt und an heutige Geschmäcker angepasst hat

Zum Schluss: ganz großes Smoothie-Kino

 

Und hier die Links:

Wikipedia über die F.-X.Mayr-Kur und dessen Urheber Franz-Xaver Mayer

Reizdarm – eine Krankheit, viele Erklärungen via FAZ

Hier macht Dr. Schulte Werbung für sein Buch

Veröffentlicht am 22.01.2016

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