Im Wald, der Meister

Ja, Waldmeister mundet fantastisch. Aber er tut dir nur gelegentlich und in niedriger Dosierung gut

Was sagt der Gesetzgeber?

Ist er nun lebertoxisch oder nicht? Der Gesetzgeber sagt jein. 1974 verbot er die Herstellung von Limonaden und Süßwaren, die bis dahin mit echten Waldmeister-Extrakten aromatisiert wurden. Der Grund: Frischer Waldmeister enthält Cumaringlykoside. Beim Zellverfall, sei es durch Verwelken, Verarbeiten oder Einfrieren, wird daraus Cumarin freigesetzt. Abkömmlinge (Derivate) des Cumarins werden als »blutverdünnende« Medikamente verordnet. Übliche Handelsnamen sind Marcumar oder Falithrom. Sie wirken als Gegenspieler des Vitamin K. Wird Vitamin K gehemmt, greifen mehrere Gerinnungsfaktoren nicht mehr richtig ineinander  – die Blutgerinnung verlangsamt sich, die Blutungsneigung steigt (ein Link zum Krankheitsbild des Bluters, Fachterminus Hämophilie, findest du unten). Der Gesetzgeber möchte nicht, dass nach Waldmeister-Wackelpudding süchtige Kinder oder Waldmeister-Bowle-Abhängige zu Blutern werden. Mittels EG-Aromenverordnung hat er deshalb einen Riegel vorgeschoben. Ganz so dramatisch ist die Sache aber auch wieder nicht: Derzeit dürfen in zubereiteten Speisen zwei Milligramm Cumarin pro Kilogramm stecken, in Parfums oder Kerzen sogar mehr. Als Tabakzusatz bleibt Cumarin komplett verboten.

Es streiten die Geister

In seinem Buch »Das Herz und seine heilenden Pflanzen« gibt der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl Entwarnung. Dabei beruft er sich auf den Pabst der Pflanzenheilkunde, Prof. Dr. Rudolf-Fritz Weiss. Storl schreibt: Auf die Frage, ob Cumarin lebertoxisch oder gar krebserregend sei, habe  Weiss mehrere Studien zitiert, in denen in Tierversuchen selbst bei 10- oder 100-facher therapeutischer Dosis keine höhere Mißbildungsrate als in der Kontrollgruppe aufgetreten sei. Die Stiftung Warentest schreibt zu der Problematik: »Forscher schätzen, dass bis zu 6 Prozent Bevölkerung empfindlich auf Cumarin reagieren«. Dies sei, so nimmt man an, vor allem bei vorgeschädigter Leber der Fall. Dabei beziehen sich die Autoren auf das aus Cassia-Zimt stammende Cumarin, welches möglicherweise in großen Mengen in Form von Weihnachtgsgebäck oder Glühwein konsumiert wird.

Wo steckt es drin?

Cumarin ist nicht nur in Waldmeister enthalten, sondern auch in Tonkabohnen, Cassia-Zimt (nicht Ceylon-Zimt), grünem Tee, Heidelbeeren, Steinklee, Lavendel-und Pfefferminzölen. Die Substanz wurde erstmals im Jahre 1822 aus Tonkabohnen isoliert. Der Geschmack erinnert in seiner Lieblichkeit an süsse Vanille. 1868 gelang erstmals die künstliche Herstellung von Cumarin. Es kam acht Jahre später auf den Markt. Wo es nach mehr als siebzig Jahren wieder verschwand: Seit 1954 ist Cumarin als Aromastoff in den USA verboten, wegen der in Tierexperimenten festgestellten toxischen Wirkungen. Vitamin K-Antagonisten aus Cumarin werden als Rattengift eingesetzt. Der Stoffwechsel von Ratten reagiert allerdings um Einiges  sensibler auf die Substanze als der menschliche.

Wie dosieren?

Waldmeister täglich im Smoothie? Bitte nur ein bis zwei Blattquirle

Waldmeister täglich im Smoothie? Bitte nur ein bis zwei Blattquirle

Einen Riegel vor den reichlichen Genuss cumarinhaltiger Speisen und Getränke schieben – das macht unser Körper von ganz allein. Eine zu hohe Dosis wird zuverlässig mit Kopfschmerzen bestraft. Oder mit Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, schlimmstenfalls mit allem zusammen. Gabriele Leonie Bräutigam, die Smoothie-Expertin meines Vertrauens, schreibt: »Liebe Leut’, bitte denkt daran den Waldmeister nur zum aromatisieren zu verwenden, also NIE komplett im Smoothie mixen, auch wenn das manche völlig enthemmten Grüne-Smoothie-Bücher empfehlen. Das macht Kopfschmerzen !!! Mindestens.» Und auch Antje und Hans-Georg Schaaf vom Hamburger Laden Zaubertrank warnen vor dem regelmäßigen, sich über Tage, Wochen oder gar Monate erstreckenden Gebrauch. »Täglich etwa zwei Blatt-Quirle (so nennt man die rosettenförmig um den Stil angeordneten Blätter) sind unbedenklich«, sagt Schaaf. »Ebenso ein paar Gläschen echte Mai-Bowle oder ein Likörgläschen echten Waldmeister-Sirup. Die Wirkung des Cumarin auf das Blutgerinnungssystem lässt nach ein paar Tagen nach. Auf Dauer aber bitte nicht geniessen.« PS: Für eine Mai-Bowle werden maximal 3 Gramm angewelkter Waldmeister pro Liter zu aromatisierender Flüssigkeit empfohlen – das sind etwa vier bis sieben Stengel. Der Waldmeister sollte sich in einem Sieb befinden oder zum Ziehen kopfüber als Büschel eingetaucht sein (mehr bei Marlis Media bei den Links unten).

Und hier die Links:

Wikipedia über Cumarin, den großen Phyto-Pharmakologen Prof. Dr. Rudolf Fritz Weiss und, fast vergessen, über den Waldmeister himself

Maibowle – süss beschrieben vom NABU

Hier geht’s zur Hämophilie

Obacht! Waldmeister nicht viel und täglich in Smoothies. Das sagen La Herbalista und Hans-Georg Schaaf vom Zaubertrank

Für alle die nachrechnen und mehr über die fachgerechte Herstellung von Maibowle wissen wollen, empfehle ich Marlis Media

Dieser Link bezieht sich vor allem auf das Problem cumarinhaltigen Zimt – vom Deutschen Verband der Aromenindustrie e.V.

Stiftung Warentest zum Thema Zimt: Ceylon-Zimt und Zimtstangen sind als ungefährlich zu bewerten –  in Pulverform oder als Cassia Zimt sollte man mit der Dosierung aufpassen

Veröffentlicht am 07.05.2015

5 Gedanken zu „Im Wald, der Meister

  1. PurpurBête

    Ich hab am Wochenende meinen ersten Sirup mit echtem Waldmeister gekocht und muss sagen, dass meine Geschmacksnerven von 40 Jahren unechtem Sirup doch etwas beeinflusst sind. Soooo toll finde ich den selbstgemachten Sirup nicht. Ich werde ihn aber demnächst mal mit Prosecco testen und nenne meine Hugo-Alternative dann Waldo ;o)

    Mal gucken, was ich statt Minze da reintue.

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  2. leonie herbalista

    Versucht es mal mit dem Rezept:
    • Waldmeister über Nacht anwelken lassen
    • Läuterzucker kochen (Wasser : Zucker im Verhältnis 1:1), abkühlen lassen
    • Waldmeister 4-5 Tage darin ziehen lassen (kühl und dunkel)
    • nach Geschmack etwas Zitrone dazu
    • abfüllen in sterilisierte Flaschen

    Der Trick: Waldmeister entfaltet die Cumarine beim Welken. Nicht kochen!

    Liebe Grüße Leonie Herbalista
    http://www.herbalista.eu/

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  3. Nathalie

    Hallo,
    Ich möchte gerne grüne smoothie’s /Saft mit waldmeister machen.
    Weiß jemand ein normales Rezept mit Mengen und Bearbeitung ,grad wegen nicht zu viel waldmeister.
    Lg nathalie

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    1. kirstinruge Beitragsautor

      Liebe Nathalie, ich versuche mal ein Rezept: 1/4 Gurke, 2-3 frische Datteln, Spritzer Zitronensaft, bissel abgeriebene Schale Zitrone, 1/2 reifer Apfel, 1 Handvoll junge Brennessel, 1/2 Handvoll Waldmeister, 1/2 handvoll Eiswürfel, 100 ml Wasser

      (Statt des Apfels wäre sicher auch eine kleine Gabe einer blumig schmeckenden Frucht gut – vielleicht Physalis, Pfirsich, Melone)

      Eine Frau aber weiß es mit Sicherheit ganz genau: Gabriele Leonie Bräutigam, auch bekannt als La Herbalista. Sie hat das wunderbare Buch »Wilde grüne Smoothie« verfasst…da steht alles drin und es gibt 50 wunderbare Wildkräuter Portraits. Mehr dazu hier: https://www.reformwarenblog.de/wilde_gruene_smoothies_buchtipp/

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