Was bedeutet goitrogen (wirklich)?

Leinsamen sind goitrogen, ebenso Kohl, Zwiebeln, Süsskartoffeln oder Sojabohnen. Ist Vorsicht geboten?

Grünkohl - insbesondere roh verzehrt - steht im Verdacht, die Schilddrüse an der Jodaufnahme zu behindern

Grünkohl – insbesondere roh verzehrt – steht im Verdacht, die Schilddrüse an der Jodaufnahme zu behindern

Goitrogen kommt aus dem Englischen

Goitrogene sind Substanzen, die man verdächtigt, eine Vergrößerung der Schilddrüse zu bewirken. Einen Kropf nennt der Mediziner auf Latein Struma. Im Englischen heißt ein Kropf goiter. Goitrogene werden bisweilen auch als strumigene Substanzen bezeichnet. Außerdem kann man das Wort als Adjektiv benutzen. Deshalb heißt es grammatikalisch richtig, Leinsamen seien goitrogen. Oder Kohl. Zwiebeln. Süsskartoffeln. Sojabohnen. Walnüsse. Hirse. Jetzt die Frage: Ist das auch sachlich korrekt? Müssen Menschen, die an einer Schilddrüsenproblematik leiden, auf die genannten Lebensmittel verzichten?

Wie funktioniert das überhaupt?

Die Schilddrüse vergrößert sich, wenn sie zu wenig Jodid in ihren Zellen speichern kann. Jodid ist ein Gegenspieler von sogenannten Wachstumsfaktoren. Nimmt der Mensch mit der Nahrung zu wenig Jod auf, werden die Wachstumsfaktoren freigesetzt und die Schilddrüse vergrößert sich – bis hin zum Kropf. Doch nicht nur eine jodarme Ernährung kann Ursache für eine Schilddrüsenvergrößerung sein. Es gibt auch eine Reihe von Umweltgiften, die die Jodaufnahme des Organs behindern können. Dazu zählen Pilz-, Insekten- und Unkrautvernichtungsmittel. Ferner polychlorierte Biphenyle und aromatische Kohlenwasserstoffe aus Farben, Lacken oder Klebstoffen. Goitrogene stecken in Weichmachern und Tabakrauch sowie – und nur von ihnen handelt dieser Beitrag – in Lebensmitteln.

Keine eindeutige Studienlage

Wie so oft ist die Studienlage verwirrend. Nur selten wurden Double-Blind-Studien durchgeführt. Nach wissenschaftlichen Kriterien sind nur sie optimal. Double-Blind heißt, dass weder Durchführende noch Probanden wissen, was Sache ist. Auf diese Weise wollen Wissenschaftler Voreingenommenheit und Beeinflussbarkeit ausschalten. Aber in vielen Studien untersuchten Ärzte den Effekt von goitrogenen Lebensmitteln an bereits Erkrankten und rekrutierten die Kontrollgruppe aus Gesunden. Ein unzulässiger Äpfel-mit-Birnen-Vergleich. In anderen Fällen untersuchten die Forscher sehr kleine Personengruppen. Am irritierendsten ist jedoch das Chaos, das hinsichtlich der Menge der verzehrten Goitrogene besteht. In manchen Studien bedeutet ein hoher Kohl-Konsum »mehrmals im Jahr«, in anderen »sechs bis acht mal im Monat«. Nur eine Studie definiert einen hohen Konsum als »mehr als einmal pro Tag«. Diese Studie stammt aus Japan. Ihr zufolge gibt es bei 8,5 Kohl-Mahlzeiten pro Woche ein 56 % erhöhtes Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken.

Wirkt sich ein hoher Zwiebelverzehr negativ auf die Schilddrüse aus. Forscher behaupten: ja, und zwar im Libanon

Wirkt sich ein hoher Zwiebelverzehr negativ auf die Schilddrüse aus. Forscher behaupten: ja, und zwar im Libanon

Wo bleibt die Psychosomatik?

Die These von den kropfbildenden Lebensmitteln steht im Raum – aber sie ist wackelig . Vielleicht stimmt es, dass das gehäufte Auftreten von Kröpfen im Libanon auf den traditionell starken Zwiebelverzehr zurückzuführen ist. Pearl-Hirse, die in manchen Gebieten des Sudan bis zu 74% der täglichen Nahrungsabnahme abdeckt, soll für die dort weit verbreitete Schilddrüsenverdickung verantwortlich sein. Aber inwieweit finden andere Faktoren Beachtung?  Wo bleibt die Psychosomatik? Sind nicht auch Stress und fortwährende Existenzängste ein guter Grund, die Aktivität der Schilddrüse herunterzufahren – sozusagen die Handbremse des Körpers anzuziehen? In einem Ärzteforum heißt es, dass vor allem gestresste Großstädterinnen betroffen sind. Männer bleiben von Schilddrüsenunterfunktion, – verdickung oder -knoten vergleichsweise verschont. Warum?

Nie mehr Kohl?

Auf der anderen Seite – und um die Sache noch komplizierter zu machen – enthalten goitrogene Lebensmittel wie Kohl oder Leinsamen wertvolle Vitalstoffe. Dr. Sarah Ballantyne, die den Blog  Paleo Mom betreibt, weist auf den Zusammenhang zwischen der Jodaufnahme und dem Konsum von Goitrogenen hin. Substanzen, die beim Kauen oder Zerkleinern von Kohl freigesetzt werden, so erklärt sie, beeinträchtigen die Schilddrüsenfunktion nur, wenn zugleich zu wenig Jod in der Nahrung enthalten sei. Deshalb sei es wenig ratsam für Schilddrüsenpatientinnen und -patienten eine Liste mit verbotenen goitrogenen Lebensmitteln anzulegen, solange nicht eine ausreichende Jod- (und Selen)-versorgung gesichert sei. Natürliche Jodquellen aller Art listet der Verlag Quell auf. Aber Vorsicht: Auch beim Thema Jod streiten sich die Geister. Zuviel regt das Wachstum der Schilddrüse an oder sorgt dafür, dass zuvor inaktive Knoten damit beginnen, autonom Schilddrüsenhormone zu produzieren.

Fazit

Was tun? Meine Empfehlung: Verbote sind grausam nicht zielführend. Leinsamen sind eine hervorragende pflanzliche Quelle für Omega 3 Fettsäuren. Die Thiocyanate des Kohls helfen der Leber beim Abbau von giftigen Stoffen. Hirse enthält viel Kieselsäure, die wir zur Stärkung unseres Bindegewebes brauchen. Eine abwechslungsreiche, frische Kost inklusive goitrogener Lebensmittel hält auch jene gesund, die an einer Schilddrüsenproblematik leiden – sei es Unterfunktion, sei es Hashimoto. Vorsicht ist nur dann geboten, wenn es extrem wird: etwa 1 Liter Grünkohl-Smoothie täglich, unfermentierte Sojaprodukte in Mengen, Basenfasten ausschließlich mit Rosenkohl. Aber wer macht das schon?

Und hier die Links:

Was sagt Wikipedia zum Thema goitrogen?

Eine sehr ausführliche englischsprachige Ausführung zum Thema findest du hier

Paracelsus, unter anderem das Sprachrohr des Verbandes Unabhängiger Heilpraktiker, hat diese Infos ins Netz gestellt

Die komplizierte Schilddrüsenproblematik treibt auch viele Ärzte in den Wahnsinn – wie zum Beispiel im Beitrag »Hypothyreose im Wirrwarr der Wechselwirkungen« – auch die Kommentare lesen!

Hier noch eine, leider englischsprachige, Zusammenfassung zum Thema Jodmangel bei Schilddrüsenproblematik

Veröffentlicht am 21.01.2017

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