Eine neue Markthalle für Hamburg?

Noch ist sie Zukunftsmusik – aber mit der Zero-Waste-Markthalle Appelhoff & Botterfatt könnte es durchaus was werden

Der tägliche Plastiktüten-Wahnsinn – siehe auch die NABU-Kampagne »Konsum« ©-S.Hennigs

Der tägliche Plastiktüten-Wahnsinn – siehe auch die NABU-Kampagne »Konsum« ©-S.Hennigs

Gute Idee: Obst und Gemüse in wiederverwendbaren Beuteln einkaufen ©-S.Hennigs

Gute Idee: zum Beispiel Obst und Gemüse in wiederverwendbaren Beuteln einkaufen ©-S.Hennigs

Guck mal unter #ZeroWaste

Wir ersticken in Plastik. 62 Prozent des europäischen Plastikmülls stammen von Einwegverpackungen. Weltweit fallen jährlich 240 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Davon landen 6,4 Millionen im Meer. Hört sich wenig an? Nicht, wenn man bedenkt, dass bereits 100 Millionen darin schwimmen. Dabei ist Kunststoff nur die Spitze des Eisbergs. Alukapseln für Kaffee, Coffee-to-go-Becher, Billigmode zum Kurzgebrauch: ein einziger Wahnsinn. Aber auch ein Weckruf an das menschliche Problemlösungsvermögen. Man gebe beispielsweise mal den Hashtag #ZeroWaste in den einschlägigen Medien ein – schon wird man überschüttet mit den Ideen.

Appelhoff & Botterfatt – das Konzept

Einer, der sich in Hamburg für #ZeroWaste engagiert, ist Andreas Achtziger. Schon seit einer Weile grübelt er über das Konzept der Zero-Waste-Markthalle Appelhoff & Botterfatt nach. Von Haus aus ist der 44-jährige Informatiker, Kaufmann und Datenschützer. Als Geschäftsführer der Editraxx GmbH & Co. KG beschäftigt er sich mit Prozessen rund um den elektronischen Geschäftsverkehr entlang der Lieferkette. Derzeit sucht der Markthallenbetreiber in spe nach einer geeigneten Immobilie in Hamburg. Und tüftelt an einem erfolgversprechenden Crowdfunding-Film. Reformwarenblog will mehr wissen und hat Achtziger um ein Interview gebeten.

Andreas Achtziger, geistiger Vater der künftigen Zero-Waste-Markthalle Appelhoff & Botterfatt

Andreas Achtziger, geistiger Vater der künftigen Zero-Waste-Markthalle Appelhoff & Botterfatt

Hier geht’s zum Interview

Lieber Andreas, was schwebt dir so vor?

Andreas Achtziger: Das Projekt der verpackungsfreien Markthalle soll ein Zero-Waste-Hub werden! Mit viel Strahlkraft für weitere Bestrebungen der Plastik- und Müllvermeidung. Es ist ein Ort geplant, wo man als Konsument unverpackt den täglichen Einkauf erledigen kann. Ein Ort, der jungen Unternehmen bezahlbare Flächen für die eigenen Produkte bietet. Wir wollen interessierten Menschen die Möglichkeit geben, neue Produkte kennenzulernen und aktiv an handwerklichen Prozessen teilzunehmen. Im Idealfall ensteht eine Erlebnis- und Event-Markthalle nach dem Store in Store-Prinzip mit Pop-Up-Flächen. Und mit Themeninseln, deren Spektrum von Lebensmitteln über nachhaltige Mode bis zu fairer Technik reicht.

Mitmachen und Lernen

Hub heißt wörtlich übersetzt Drehscheibe …

Als Hub soll die Markthalle vor allem der Verbreitung der Zero-Waste Idee gelten. Es geht aktiv um die Müllvermeidung beim Einkauf. Das betrifft natürlich auch die logistischen Prozesse: auch bei ihnen soll Müllvermeidung Vortrieb gegeben werden. Desweiteren soll die Markthalle als eine Plattform für ähnliche oder in das Themenfeld hereinragende Geschäftsideen dienen. Aber auch sozialen wie ökologischen Projekten. Zur aktiven Teilnahme an handwerklichen Prozessen werden so genannte Maker-Hubs geschaffen. Wo Kaffee geröstet, Getreide gemahlen, Spirituosen destilliert und Brot gebacken wird. Zum Mitmachen, Lernen und als Möglichkeit, sein Produkt zu präsentieren. Zu diesem Thema habe ich gerade erst Kontakt mit der Handwerkskammer aufgenommen und bin sehr gespannt auf das Feedback!

Es geht folglich um mehr als nur Konsum?

So ist es. Die erste Zero-Waste-Markthalle überhaupt soll zum Schmelztiegel werden für soziale und kulturelle Veranstaltungen und das rege Gespräch und den Meinungsaustausch an einer langen Tafel fördern.

Auf der Suche nach der »sexy« Fläche

Wenngleich es schwer sein dürfte, eine geeignete Immobilie  zu finden…

Es gibt durchaus eine Reihe von potentiellen Flächen, wo ich bei einigen auch in weiterführenden Gesprächen eingetreten bin. Allerdings ist es wahr, dass einige geeignete Flächen, die sowohl von der Größe und Ausgestaltung her für das Projekt geeignet und auch etwas »sexy« sind – und damit auch für Partnerbetriebe interessant – etwas zu weit außerhalb vom avisierten Bereich liegen. Es wird abhängig von der Größe der endgültigen Fläche abhängig sein, welche Konzeptbestandteile tatsächlich umgesetzt werden können. Das Konzept sieht ja vor, dass sowohl Marktstände vorhanden sein werden, ebenso wie ein gastronomischer Bereich und Raum für Aktionsflächen…

Als da wären?

Zum Beispiel für die bezahlbaren Pop-Up-Flächen für neue Ideen. Ferner Aktionsflächen auch für Marktbeschicker oder die geplanten »Mitmach-Bereiche«. Das heißt allerdings auch: Für die vollständige Umsetzung des Konzeptes benötigt das Projekt mehr Fläche, als derzeit in den avisierten Bereichen angeboten wird. Kompromisse können zwar eingegangen werden, sind dann aber auch abhängig von den weiteren strukturellen und städtebaulichen Planungen und Gegebenheiten.

Sooft wie möglich plastikfrei einkaufen - Appelhoff & Botterfatt macht's möglich  ©SydaProductions

Sooft wie möglich plastikfrei einkaufen – Appelhoff & Botterfatt macht’s möglich ©SydaProductions

Keine Standbaukosten für kleinere Höfe

Wäre ein Gewinn für die Stadt!

Wenn das Markthallenkonzept wie geplant umgesetzt werden kann, gibt es unterschiedliche Überlegungen, dies für die Betreiber der Marktstände attraktiv zu gestalten. Zuallererst: Für die kleineren Höfe, die im Konzept angesprochen werden, wird es keine Standbaukosten geben. Es wird fertige und einheitliche Stände geben, die nur noch mit Ware bestückt werden müssen. Auch für die Einbindung von Frischeprodukten wie etwa Fleisch, Milch, Käse oder Fleischerzeugnisse ist die Planung ähnlich. Aber eben auch abhängig von Genehmigungen der Behörden. Hier wird auf das Know-how der Betreiber zurückgegriffen, die diese Flächen in Eigenregie bespielen sollen.

Easy-Going für Marktbeschicker?

Interessant für einige Marktbeschicker dürfte sein, dass in der Projektumsetzung sowohl auf »in a box«-Lösungen zurückgegriffen, aber auch ein eigener Standbau umgesetzt werden kann. Im Idealfall erreichen wir so einen Street-Food Charakter, der als gemeinsamen Aspekt die Reduzierung von Verpackungsabfällen und Vermeidung von Plastik beinhaltet. Der Zero-Waste-Lifestyle soll sich wie ein roter Faden durch die gesamte Markthalle ziehen. Die Vermeidung von Plastik, unnötigen Abfällen und der im Betrieb der Markthalle anfallenden Abfälle sowie auch die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung durchwebt das gesamte Konzept. Und das ist auch gut so!

Viele Lösungen realisierbar

Ein Erfolgshindernis sollen die Personalkosten sein…

Personalkosten sind immer eine Herausforderung für kleinere Betriebe und damit für die avisierten kleineren landwirtschaftlichen Betriebe und auch für einige Nutzer der Aktions- und Pop-Up Flächen. Das Konzept sieht vor, dass vom gemieteten Regalmeter über eine durch die Markthalle bereitgestellte Verkaufspräsentation in Kommission bis hin zum regelmäßigen Betrieb eines Wochenmarktstands viele individuelle Lösungen realisierbar sind. Die Kalkulation lässt einiges zu, was sowohl eine mögliche zukünftige Betreibergesellschaft als auch potentiellen Nutzern der Marktflächen einen inhaltlichen und finanziellen Nutzen bringt. Durch die vergleichsweise geringen initialen Kosten und einen überschaubaren monatlichen Betrieb, sehe ich hier aber durchaus mehr Potential denn Risiko. In der Diskussion ist auch ein partizipierendes Modell, bei dem der Verkauf von geschultem Personal des ebenfalls integrierten verpackungslosen Einzelhandels vorgenommen wird.

Unter dem Strich kauft man verpackungsfrei genau die Menge, die man braucht ©JackF.

Unter dem Strich kauft man verpackungsfrei genau die Menge, die man braucht ©JackF.

Gemeinsame Bestellprozesse

Du bist Tracking-Experte. Welchen Service kannst du in dieser Hinsicht den Erzeugerinnen und Erzeugern anbieten?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Kerngeschäft der editraxx GmbH & Co. KG sind Geschäftsprozesse und der elektronische Geschäftsverkehr. Da geht es mehr um Logistik und um den elektronischen und damit papierlosen Austausch von Geschäftsdokumenten. Immerhin kann eine gewisse Nähe zum verpackungsfreien Einkauf im Sinne der potentiellen Vermeidung von ausgedruckten Dokumenten gezogen werden. Allerdings ist das primäre Ziel mehr die Vermeidung von Medienbrüchen und die Beschleunigung von Prozessen. Für die Zukunft sehe ich allerdings ein sehr großes Potential in der Vernetzung der neu entstandenen verpackungsfreien Läden im Sinne gemeinsamer und elektronischer Bestellprozesse. Bereits jetzt bilden sich ja die ersten Einkaufsgenossenschaften. Hier besteht ein sehr großes Potential, die oft noch manuellen Bestell- und Lieferprozesse zu digitalisieren.

Wer wird »Marktkomplize«?

Stichwort: Crowdfunding. Wann geht’s los?

Der Crowdfunding-Film wird Mitte Mai umgesetzt. Die Umsetzung auf startnext ist im Prinzip fertig und wartet nur auf die Fertigstellung des Films und eine grafische Ausarbeitung der »Dankeschöns« für die Unterstützer. Das interne Feedback ist überwiegend herausragend. Unmittelbar nach den Pfingstferien wird das Crowdfunding dann starten. Es wird durch Kommunikation auf den diversen sozialen Kanälen begleitet. Ausserdem wird es das Promotion-Set der »Marktkomplizen« geben, welches Unterstützer der Markthalle als Testimonial vorstellt. Und natürlich wird es auf auf der Webseite bekanntgemacht. Zu finden sind alle Aktionen außerdem auf der Facebook-Präsenz , den sozialen Kanälen Instagram und bei Twitter . Später dann auf der noch in der Erstellung befindlichen Webseite www.marktkomplizen.de und der gleichnamigen Facebook-Seite.

Achtzigers Crowdfunding-Kampagne startet nach den Pfingstferien

Achtzigers Crowdfunding-Kampagne startet nach den Pfingstferien

Kann man also gar nicht verfehlen…

Kurz vor Start der Finanzierungsphase des Crowdfundings kann man unter startnext.com/zerowaste-markthalle dann das Projekt finden. Und auch seine Meinung abgeben, die dann sogar noch in das Projekt auf startnext einfließen kann. Ich lege viel Wert auf Partizipation.

Markthalle für alle

Reicht Crowdfunding für ein solches Großprojekt überhaupt?

Soviel kann ich sagen, da ist einiges geplant, was so noch nicht im Rahmen eines Crowdfundings umgesetzt wurde. Letztlich dient das Crowdfunding nicht nur zur Finanzierung von geplanten Maßnahmen für die Markthalle, sondern ist natürlich auch ein Marketinginstrument. Zusätzlich gab es bereits Gespräche mit einigen Banken und möglichen weiteren Investoren. In dieser Größenordnung wird die Umsetzung nicht mehr im Alleingang erfolgen. Auch bei den Vorarbeiten kann ich dankenswerter auf ein tolles Team zurückgreifen. Und auf viele Menschen, die ideell und mit persönlichem Einsatz an der Verwirklichung des Konzeptes mitarbeiten!

Wäre Appelhoff & Botterfatt nur was für Gutbetuchte?

Ganz im Gegenteil. Der Plan ist: Markthalle für Alle! Das Preisgefüge des hochwertigen Sortiments orientiert sich an gängigen Kalkulationen im Naturkosteinzelhandel und wird sich voraussichtlich nicht groß von den Preisgefügen der bekannten Biosortimenter unterscheiden. Natürlich hat Qualität einen Wert. Um auch wirklich einem großen Kreis ein bezahlbares Erlebnis in der neuen Markthalle zu ermöglichen, erarbeite ich derzeit zusätzliche Konzepte. Vieles lässt sich alleine dank des bedarfsgerechten Einkaufs steuern. Kauft ein Konsument nur das ein, war wirklich benötigt wird, schont er den Geldbeutel und vermeidet, dass zu viel eingekaufte Lebensmittel weggeworfen werden.

Und hier die Links:

Zwei Seiten, die die Größenverhältnisse von Plastikmüll unter die Lupe nehmen

Veröffentlicht am 19.05.2017

Ein Gedanke zu „Eine neue Markthalle für Hamburg?

  1. Pingback: Crowdfunding-Halbzeit. Wir brauchen eure Unterstützung!

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